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Tour de France: Schnee, Spannung, Staunen

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Die 106. Tour de France bot den Zuschauern Spannung in verschiedener Hinsicht: Ein Hagel- und Schneeschauer zwang die Fahrer in den Alpen zu einer verkürzten Etappe. Der Franzose Julian Alaphillipe fuhr zwei Wochen lang im gelben Trikot und verblüffte damit nicht nur seine Landsleute. Zudem konnten deutsche Radsportfans mit dem zähen Emanuel Buchmann mitfiebern, der das Podium in Paris nur knapp verpasste.

„Der vierte Platz war eine Traumvorstellung. Das ist richtig geil. Mehr war nicht drin. Bernal, Thomas und Kruijswijk waren zu stark. Da muss man zufrieden sein“, sagte Emanuel Buchmann nach der 20. Etappe nach Val Thorens am Samstag. Einen Kilometer vor dem Ziel hatte der 26-Jährige attackiert und versucht, seine Konkurrenten abzuschütteln. Doch schnell wurde deutlich, dass die Beine von Kruijswijk und Co. in einem ähnlich guten Zustand waren.

So behielt der Kolumbianer Egan Bernal vom Team Ineos seinen Spitzenplatz im Gesamtklassement, sein Teamkollege Geraint Thomas wurde Zweiter. Steven Kruijswijk (Jumbo-Visma) gelang der Sprung aufs Podium, da Julian Alaphillipe (Deceuninck-Quick-Step), vor der Etappe noch auf Rang zwei, rund drei Minuten verlor. Auch Emanuel Buchmann (Bora-hansgrohe) konnte sich um einen Platz auf Position vier verbessern. Sein immer wieder betontes Ziel, ein Platz unter den Top-10, war also mehr als erfüllt. Undankbar soll ein vierter Platz sein, im Fall von Buchmann war er allerdings der Lohn für die Schinderei der letzten Monate. Mehr noch: Buchmann hat wieder eine sanfte Radsporteuphorie in Deutschland geweckt.

Buchmanns Konstanz

Drei Höhentrainingslager hatte der nur 62 Kilogramm schwere und 1,81 Meter große Ravensburger vor der Tour de France absolviert. Im März in der Sierra Nevada (Spanien), im Mai in Osttirol (Österreich) und im Juni in Livigno (Italien). Immer mit dabei sein unablässiger Trainingsfleiß. Seine Trainer betonen, dass sie Buchmann eher bremsen müssten und ihm bisweilen ans Herz legen, auch mal kürzer in die Pedale zu treten. Ein Zitat von Bora-Hansgrohe-Teamchef Ralph Denk eignet sich zur Illustration: „Er schläft schlecht, wenn er Eis isst.“ Den ganzen Personenkult steht Buchmann sowieso eher ablehnend gegenüber, er will Leistung sprechen lassen.

Fraglos beeindruckend war, wie konstant Buchmann in den Alpen und Pyrenäen unterwegs war. Je länger sich die 14. Etappe auf den 2115 Meter großen und geschichtsträchtigen Col du Tourmalet hinzog, desto mehr schien es ihn zu beflügeln. Er landete auf Platz vier, genauso wie einen Tag später auf dem Weg nach Foix. Auch im Hochgebirge in den Alpen war er kontinuierlich in der Gruppe der Mitfavoriten. Am Col du Galibier (2642 Meter), auf dem Col de l’Iseran (2764 Meter), dem höchsten überfahrbaren Gebirgspass der Alpen, und schließlich auf der gestrafften Etappe nach Val Thorens (2365 Meter).

Unwetter-Einbruch

Wegen zu erwartender Gewitterschauer und Erdrutschen war das Teilstück von Albertville nach Val Thorens von ursprünglich geplanten 130 Kilometern auf 59 Kilometer verkürzt worden. Bereits einen Tag zuvor war es zu einem Kuriosum gekommen: Wegen Hagel und Schnee wurde die Etappe 30 Kilometer vor dem Ziel gestoppt. Während im mitteleuropäischen Flachland ein Hitzerekord nach dem anderen gebrochen wird, ein seltsames Schauspiel, das Fernsehzuschauer da live mitverfolgen konnten.

Zunächst versuchte ein Bagger, die Fahrbahn von den Wassermassen freizuräumen; bald musste die Renn-Jury jedoch feststellen, dass ein Weiterfahren zum geplanten Ziel nach Tignes unmöglich war. Es war das erste Mal seit 1996, dass eine Tour-Etappe während des Rennens verkürzt werden musste. Die Zeiten auf dem Col de I’Iseran galten als Schlusszeiten, einen offiziellen Sieger der 19. Etappe wurde allerdings nicht gekürt.

Kolumbianischer Kämpfer

Egan Bernal, der der Gruppe um Geraint Thomas und Buchmann auf dem Col de I’Iseran eine Minute abgenommen hatte, war ob dieser Konstellation bestimmt nicht betrübt. Er nahm dem strauchelnden Alaphillipe das gelbe Trikot des Gesamtführenden ab. Der erst 22-jährige Kolumbianer war der Nutznießer der Etappe, durch seine furiose Solofahrt hatte er sich den Ertrag in Form des Maillot Jaune allerdings redlich verdient. Wahrscheinlich fühlte er sich in dieser Höhe auch deshalb so wohl, weil er in Zipaquira auf einer Höhe von 2650 Metern zur Welt kam.

Normalerweise kommen Radprofis mit Ende 20 in ihre Blütezeit, Bernal dagegen hatte schon bei der vergangenen Tour als Helfer für Geraint Thomas und Christopher Froome auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt hat er sich zum jüngsten Sieger der Frankreich-Rundfahrt seit 84 Jahren und ersten kolumbianischen Champion überhaupt aufgeschwungen. „Er ist 22, wer weiß, wie oft er die Tour gewinnen kann“, stellte Geraint Thomas in den Raum.

Eigentlich hätte Bernal den Giro d’Italia im Mai als Kapitän für Ineos bestreiten sollen, doch kurz vor Beginn des dreiwöchigen Radrennens brach er sich das Schlüsselbein. So sollte er die diesjährige Tour de France als Co-Kapitän neben Geraint Thomas angehen. Dem elf Jahre älteren Briten, in dessen Dienst er sich vor einem Jahr gestellt hatte, nahm er jetzt jedoch insgesamt eine Minute und elf Sekunden ab. Als die beiden im Ziel der 20. Etappe in Val Thorens gemeinsam über die Ziellinie fuhren, klopfte Thomas Bernal anerkennend auf die Schulter.

Alaphillipe verblüfft sich selbst

Während Team Ineos die Dominanz früherer Team-Sky-Tage nicht mehr ganz halten konnte – insbesondere weil Helfer wie Wout Poels schwächelten, gelang Julian Alaphillipe in den ersten zwei Tour-Wochen ein unerwarteter Coup nach dem anderen. Sein Sieg im Zeitfahren kam wohl am überraschendsten. 14 Tage lag er in der Gesamtwertung vorne. Damit verblüffte er sogar sich selbst, wie er in Interviews kundtat. Alaphilippe war zwar im letzten Jahr Gewinner des Bergtrikots der Tour. Damals erklomm er die Gipfel aber als Mitglied von Ausreißergruppe und hatte keinerlei Ambitionen auf den Gesamtsieg. An den letzten beiden Bergetappen musste er aber dem Tempo der eigentlichen Favoriten und der Höhe Tribut zollen. So müssen die Franzosen 34 Jahre nach Bernard Hinault weiter auf einen Tour-Gesamtsieger warten.

 

 

 

 

 

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