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Eishockey: Leon Draisaitl, der Topstar ohne Topteam

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Der Deutsche Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers spielt in der besten Eishockey-Liga der Welt NHL. Dabei ist er schon längst nicht mehr nur ein guter Komplementärspieler zu Superstar Connor McDavid, sondern auf dem Weg, seinem Kollegen den Titel des besten Scorers der Saison streitig zu machen. Persönliche Großtaten sind schön, Draisaitls übergeordnetes Ziel aber ist der Teamerfolg.

Die Edmonton Oilers waren in den letzten Jahren nicht gerade ein Topteam der National Hockey League (NHL). Die letzte Playoff-Teilnahme liegt drei Jahre zurück, zuvor mussten die Kanadier zehn Jahre in Folge die Playoffs vor dem Fernseher verfolgen. Seinerzeit, im Jahr 2006, zogen die Oilers sogar ins Stanley Cup Finale ein, verloren aber in der best-of-seven-Serie mit 3:4 an den Carolina Hurricanes.

In der laufenden Spielzeit liegen die Oilers mit 57 Punkten auf Rang fünf in der knüppelharten Western Conference, nur fünf Punkte beträgt der Rückstand auf den Zweitplatzierten, drei Zähler der Vorsprung auf den Zehnten. Ob die eishockeyverrückte Stadt Edmonton im Frühling 2020 in den Genuss von Playoff-Spielen kommt, ist ungewiss.

Über fehlende Spannung können sich Freunde des Kufensports wirklich nicht beklagen. Das beste Beispiel für die Ausgeglichenheit der Liga lieferte die vergangene Saison, als die St. Louis Blues den Stanley Cup holten, nachdem sie im Januar gleichen Jahres noch Letzter waren. Seriensieger wie in den 1980er-Jahren, als die New York Islanders und die Edmonton Oilers jeweils viermal den Stanley Cup gewannen, sind heute kaum mehr denkbar.

Zwei der Besten der NHL

Was den Oilers für die Restsaison Hoffnung geben könnte, ist vor allem ein bei Gegnern gefürchtetes Sturm-Duo. Connor McDavid wird von vielen als bester Spieler der Liga angesehen, der Deutsche Leon Draisaitl braucht sich dennoch nicht hinter ihm zu verstecken. Auch wenn die beiden konträre Spielertypen sind, hätte jede Mannschaft gerne ein solches Duo in ihren Reihen.

McDavid ist ungemein schnell, trickreich und besitzt eine herausragende Schlittschuh- und Stocktechnik. Draisaitl kommt mehr über die Physis, hat aber auch enorme Qualitäten als Passgeber – und als Torschütze in den letzten Jahren erkennbare Fortschritte gemacht. In der vergangenen Saison schoss Draisaitl 50 Tore, was der zweithöchste Wert der gesamten Liga war; dazu kamen 55 Vorlagen. Aktuell steht der 24-Jährige nach 49 von 82 absolvierten Begegnungen bei 27 Toren und 48 Vorlagen. Die Scorerliste, die Tore und Vorlagen aller NHL-Spieler zusammenzählt, führt McDavid mit 76 Punkten an, Draisaitl ist mit 75 Punkten seinem Sturmpartner auf den Fersen.

Die New York Post erläuterte dass die beiden ein „derart elektrisierendes Duo“ seien, „wie es das in den letzten Jahren in der NHL nicht mehr gegeben hat“. Ex-Profi Wayne Gretzky sagte: „Sie sind beide sehr uneigennützig zum anderen. Sie haben keine Egos und so wichtig wie Connor für Leon ist, so ist es Leo für Connor.“

„German Gretzky“

Leon Draisaitl galt bereits als Jugendspieler bei den Kölner Haien und Jungadlern Mannheim als besonderes Talent. 2012 fasste er den Entschluss, im Juniorenbereich in Nordamerika zu spielen und dort machte er prompt von sich reden. Man nannte ihn „German Gretzky“, mehr Lob geht fast nicht. Wayne Gretzky gilt als bester Eishockeyspieler aller Zeiten. Zwischen 1978 und 1988 spielte er für die Edmonton Oilers und gewann vier Stanley Cups mit dem Team.

Natürlich halfen Draisaitl auch die guten Gene. Sein Vater Peter bestritt 146 Länderspiele für Deutschland, nahm dreimal an Olympischen Spielen teil und ist mittlerweile Profitrainer. Dem Vater war allerdings nur eine Karriere in Deutschland vergönnt, während der Sohn im NHL Draft 2014 an Position drei von den Oilers ausgewählt wurde; kein deutsches Talent wurde jemals derart früh ausgewählt. Im gleichen Jahr spielte er mit gerade einmal 18 Jahren seine erste Weltmeisterschaft im Herrenbereich.

Draisaitl gelang der Durchbruch in der NHL in seinem zweiten Jahr, dennoch musste er mit Vorbehalten umgehen, als sein Klub ihm im Sommer 2017 einen neuen Achtjahresvertrag bei einem Jahresgehalt von 8,5 Millionen Euro offerierte. Zwar wurde Draisaitl als Spieler mit Potential gesehen, allerdings wiesen Kritiker daraufhin, dass Draisaitl noch zu wenig gezeigt hätte. Mittlerweile sind diese Stummen verstummt, sein Gehalt hat der inzwischen 24-Jährige mehr als gerechtfertigt. In der Saison 2018/2019 wurde er erstmals zum All-Star-Spiel eingeladen, am 25. Januar in St. Louis wird er zum zweiten Mal im Kreis der Besten mitmischen. Seinen seinen Status als Topspieler hat er merklich zementiert.

Dennoch scheint der gebürtige Kölner seine Bodenhaftung nicht verloren zu haben. Über einen Zeitraum von acht Jahren hat er 1,2 Millionen Dollar pro Jahr an Spenden für wohltätige Zwecke in Edmonton und Alberta zugesagt. Großspurige Statements überlässt er anderen, er möchte mit Taten auf der Eisfläche überzeugen.

Detailverliebtheit, Extraschichten und das Streben nach Verbesserung sind Draisaitls treue Wegbegleiter. Auf die Frage, wo er denn noch Luft nach oben habe, antwortete er im Interview mit der SportBild zu Saisonbeginn: „In der Defensive, im Unterzahlspiel, beim Bully kann ich mich noch verbessern. Ich habe noch viel Luft nach oben und werde nie mit mir zufrieden sein. Auch mein Schuss und meine Pässe können immer noch besser werden. Ich arbeite jeden Tag an mir. Talent haben viele. Aber nur wer sich weiterentwickelt, schafft es nach oben.“

Im Sommer hat er sich mit Bergläufen und Zirkeltraining gequält. Während der Saison bleibt er nach dem Training noch in der Halle, wenn die meisten Kollegen schon unter der Dusche stehen, und trainiert den Torabschluss aus verschiedenen Positionen. „Ich will beides können: Schießen und Vorlagen geben. So bin ich schwerer ausrechenbar. Ich will für meine Gegenspieler ein Rätsel sein.“

Vergleiche mit Dirk Nowitzki, dem besten deutschen Basketballer aller Zeiten, ehren ihn, findet er mit Blick auf Nowitzkis Meilensteine jedoch nicht treffend. „Wenn ich nur annähernd so eine Karriere hinlege wie er, wäre ich schon superglücklich“, sagte Draisaitl.

Star-Duo ist keine Garantie für Playoffs

Warum sind die Oilers trotz ihres Traum-Duos also kaum mehr als ein durchschnittliches Team? Dass liegt daran, dass beim Eishockey das Kollektiv viel entscheidender ist als zum Beispiel beim Basketball. Eishockey ist dermaßen kraftraubend für die einzelnen Spieler, sodass ein stetes Durchwechseln unabdingbar ist. Beim jüngsten 7:3-Sieg der Oilers gegen die Arizona Coyotes kamen 19 Profis von Edmonton zum Einsatz und 20 aufseiten der Gegner. Draisaitl spielt im Schnitt trotzdem etwa taffe 22:30 Minuten, weil es sich der Trainer nicht leisten kann, ihm mehr Pausen zu verschaffen. Neben der Abhängigkeit von Draisaitl und McDavid fehlt den Oilers zudem die Qualität in der Abwehr.

Natürlich träumt Edmonton vom Stanley Cup, der letzte Triumph liegt 30 Jahre zurück. „Die Fans reißen die Stadt ab, wenn wir eines Tages den Stanley Cup holen sollten“, sagte Draisaitl. Zunächst einmal liegt der Fokus aber auf dem Erreichen der Playoffs, der Teamerfolg hat Vorrang für den Deutschen, der vor der Spielzeit sagte: „Ich bin stolz darauf, was ich geschafft habe. Ich weiß, wie hart es ist. Ich würde mich auch freuen, nochmals 50 Tore zu erzielen, aber mir sind die Playoffs nun mal wichtiger.“

 

 

 

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