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Leichtathletik WM: Die Welt zu Gast im Glutofen

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Wer schon einmal an einem schwülwarmen Julitag sportlich aktiv war, weiß wie kräftezehrend das sein kann. Zwar hat der Internationale Leichtathletikverband seine Weltmeisterschaft nicht im Hochsommer stattfinden lassen, trotzdem stehen Doha als Austragungsort und die damit verbundenen Wetterbedingungen exemplarisch für das Unvermögen und die Geldgier der Funktionäre.

Jose Maria Odriozola, der Präsident des spanischen Leichtathletikverbands, sprach bereits 2014, als Katars Hauptstadt Doha als Ausrichter der WM 2019 Barcelona und Eugene (USA) auf die Plätze zwei und drei verwies, dass „die mit Abstand schlechteste Kandidatur“ den Zuschlag erhalten hatte. Odriozolas Aussage hatte eher nichts mit gekränktem Stolz zu tun, stattdessen gab und gibt es triftige Gründe, weshalb eine sportliche Großveranstaltung in Doha keine gute Idee ist.

„Das Einzige, was die haben, ist Geld“, schimpfte Odriozola in Richtung der Frontmänner des Golf-Emirats und kritisierte damit indirekt die Funktionäre des Leichtathletik-Weltverbands, die Doha als Standort ausgewählt hatten. Katar hatte dem Weltverband neben dem in der Bewerbung verlangten Budget nachträglich noch 37 Millionen Dollar als Sponsorengelder zugesagt. Und da wäre noch Lamine Diack, der damalige Boss des Weltverbands, der inzwischen unter Hausarrest steht und Paris nicht verlassen darf – wegen des Vorwurfs der Korruption und Geldwäsche.

Im Jahr 2011 sollen Zahlungen in Höhe von drei Millionen Euro auf das Konto einer Sportvermarktungsfirma von Papa Massata Diack, dem Sohn von Lamine Diack, geflossen sein. Ein katarischer Medienkonzern soll das Geld überwiesen haben. London erhielt den Zuschlag für die Leichtathletik-WM 2017, für die sich Doha ebenfalls beworben hatte. Bei der Abstimmung drei Jahre später behielt Katar die Oberhand.

Extrem-Marathon in der Nacht

Aber nicht nur die Vergabe wirft Fragen auf, auch den Sportlern wurde kein Gefallen getan: Beim Marathon der Frauen wurde eine Temperatur von 32,7 Grad Celsius bei 73 Prozent Luftfeuchtigkeit gemessen. 28 von 68 Läuferinnen mussten aufgeben, wurden teilweise mit Rollstühlen von der Strecke gekarrt, viele quälten sich nach den wohl beschwerlichsten 42,195 Kilometern ihrer Karriere völlig ausgelaugt ins Ziel. Sara Dossena, die italienische EM-Sechste von Berlin 2018, sagte hernach: „Es war schrecklich. Mein Herz hat gerast. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt.“

Die Männer hatten bei ihrem Marathon sieben Tage später mehr Glück: Bei 29 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 48 Prozent herrschten überspitzt gesagt fast ideale Bedingungen. Trotzdem schafften es 18 von 73 Startern nicht, das Rennen zu beenden. Sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern fiel der Startschuss um Mitternacht. Hätten die Veranstalter das Rennen auf den Mittag oder Abend gelegt, hätten bestimmt noch mehr Athleten ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Ein Marathon an sich ist eine Grenzerfahrung, in Doha war er definitiv mehr als das.

Schlechte Stimmung

Während bei den Veranstaltungen außerhalb des Khalifa International Stadium, beim Marathon und Gehen, weniger Menschen als bei Sitzungen im deutschen Bundestag anzutreffen waren, sah es innerhalb der Wettkampfstätte nicht viel besser aus: Als die schnellsten Männer der Welt im Finale über 100 Meter konkurrierten, befanden sich gerade einmal 10.000 Zuschauer im Stadion. Bei der Ehrenrunde von Sieger Christian Coleman waren es nur noch ein paar Hundert. Immerhin füllte sich das Stadion, das 48.000 Menschen Platz bietet, in den letzten Wettkampftagen einigermaßen. Dafür hatten die Ausrichter allerdings auch Freikarten an Soldaten und Bauarbeiter in Zivil verteilt.

Um die Bedingungen für die Sportler erträglicher zu gestalten, wurde das ganze Stadion mithilfe von stromfressenden Klimaanlagen auf 25-26 Grad heruntergekühlt. Die ZEIT titelte in Anlehnung an die Anführerin der weltweiten Klimaschutz-Bewegung: „Gretas Albtraum“. Frankreichs Zehnkämpfer Kevin Mayer bezeichnete die WM als „Desaster“. Die Tribünen seien leer, „und die Hitze hat man überhaupt nicht in den Griff bekommen.“ Sein Landsmann Yohann Diniz brach das 50 Kilometer-Rennen im Gehen nach nicht einmal 20 Kilometern ab und sagte anschließend: „Da draußen haben sie uns in einem Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere.“ Übrigens gehören Diniz und Mayer in ihren Disziplinen zu den Besten der Welt.

Man könnte jetzt auf den Gedanken kommen, eine Leichtathletik-WM nicht mehr am persischen Golf auszutragen, doch der Nachfolger von Lamine Diack, Weltverbandspräsident Sebastian Coe zog in einem ARD-Interview ein positives WM-Fazit: „Wir sehen hier, dass Katar ein tolles Land für die Leichtathletik ist. Wir bringen die Sportart dorthin, wo sie gut ankommen kann. Mein Instinkt sagt mir, dass die meisten Athleten auch den Eindruck haben, dass es eine gute Entscheidung war, die WM hier abzuhalten.“ Nun ja, vielleicht hat Sebastian Coe einfach nur mit den falschen Athleten gesprochen.

 

 

 

 

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