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Baseball: Die Kunst zu gewinnen und der Preis des Erfolgs

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Baseball ist eine der meistgespieltesten Sportarten der Welt und überaus populär in den USA und vielen lateinamerikanischen Ländern. Weltweit gibt es rund 200 Millionen Aktive. In Deutschland ist das Schlagballspiel ein Nischensport. Dabei könnten Menschen mit einer Affinität für Statistik durchaus Gefallen daran finden.

Alles fing an in einer Konservenfabrik in Kansas Mitte der 1970er Jahre. Bill James war dort Nachtwächter. Da er viel Zeit hatte, beschäftigte er sich mit Baseball und entsprechenden Statistiken. Als einer der ersten fiel ihm jedoch auf, dass die gängigen Statistiken nur an der Oberfläche kratzten und analytisch nicht wirklich geeignet waren, um die Siegchancen von Teams zu erhöhen. An sich eignet sich Baseball bestens für Ergebnisoptimierung.

Der Aufbau des Spiels (Pitcher gegen Hitter, ein Pitch nach dem anderen) ist wie geschaffen für statistische Auswertungen. Der Pitcher wirft den Baseball, der Hitter ist der Schlagmann. Baseball ist vergleichbar mit Brennball, einem Spiel, das Sportlehrer häufig in Schulen ausprobieren. Hierbei muss man versuchen, einen Softball ins Spiel zu bringen und so viele Weichbodenmatten wie möglich überlaufen, um so einen Punkt zu erzielen.

James‘ Neuerungen waren unter anderem Statistiken wie „Runs Created“, die Aufschluss darüber gibt, wie viele Runs beziehungsweise Punkte ein Spieler wert ist. Der „Game Score“ misst, wie gut sich ein Pitcher unabhängig vom Gesamtergebnis geschlagen hat. Bill James fand schnell einige Mitstreiter, die ihrer Profession den Namen „Sabermetrics“ gaben. Bereits 1971 wurde die „Society for American Baseball Research“(SABR) gegründet. Es waren die Anfänge der Verwissenschaftlichung im Baseball.

Allerdings dauerte es seine Zeit, bis „Sabermetrics“ auch den Einzug in den Mainstream fanden. Traditionelle Trainer und Scouts orientierten sich an der Schlaghärte und schätzten die schulbuchmäßige Technik beim Werfen oder Schlagen des Balles. Im Jahr 2002 bediente sich Billy Beane, der General Manager der Oakland Athletics, einem Team aus der Major League Baseball (MLB), der „Sabermetrics“. Mit enormen Erfolg, unter anderem legten sie eine 20-Spiele-Siegesserie hin. Nur eine handvoll Teams in der MLB-Geschichte kamen auf mehr aufeinanderfolgende Siege.

Der Erfolg war noch höher zu würdigen, wenn man die begrenzten finanziellen Resourcen der Oakland Athletics miteinbezieht. Da es anders als in der NBA oder NFL im Baseball keine Gehaltsobergrenze gibt, mussten die Athletics damals mit einem Budget von 41 Millionen Dollar zurechtkommen, während die New York Yankees 140 Millionen Dollar für Spielergehälter zur Verfügung hatten. Auch wenn die Athletics in den Playoffs keinen Erfolg hatten, war die Geschichte der Anlass für den Autor Michael Lewis im Jahr 2003, das Buch „Moneyball – die Kunst ein unfaires Spiel zu gewinnen“ zu verfassen.

Lewis thematisierte nicht nur den richtigen Umgang mit Statistiken im Baseball, sondern auch in anderen Sparten wie der Wirtschaft. Sein Anliegen war es deutlich zu machen, dass eine Masse an Daten nicht zielführend ist, viel wichtiger sei es auf Basis der Zahlen die richtigen Fragen zu stellen.

Einem breiten Publikum auch über den Baseball hinaus wurde die Thematik durch den 2011 veröffentlichten Film „Moneyball – Die Kunst zu gewinnen“, der sechs Oscar-Nominierungen erhielt. Brad Pitt spielt Billy Beane, der als eigenwilliger Kopf porträtiert wird und neue Wege beschreiten will, um die Vorteile finanzkräftiger Teams zu minimieren oder im besten Fall auszumerzen. Das Sportportal Spox.com schrieb, dass Beane seine Personalentscheidungen nicht auf „Ruf und Renommee“ stützte, „sondern auf Statistik“.

Für Beane war es wichtig, dass Spieler „auf Base“ kommen. Der heute 58-Jährige verlieh der On Base Percentage-Statistik besonders viel Gewicht, die aussagt, wie häufig ein Hitter mindestens die erste Base erreicht. Beane wollte Spieler, die seinem Team halfen entweder Runs zu erzielen oder Runs zu verhindern. Der Schlagdurchschnitt (Batting Average, Formel: Hits geteilt durch At-Bats) enttarnte er als unzulänglich.

Laut Schlagdurchschnitt spielt es auch keine Rolle, ob jemand einen fulminanten Homerun oder lediglich ein Single durch die Mitte schlägt. Im Endeffekt sind beides Hits. Die Slugging Percentage (Formel: Total Bases geteilt durch At-Bats) konzentriert sich auf die Qualität der Hits. Ein Beispiel: Eric Hosmer und Aaron Judge haben beide einen Schlagdurchschnitt von .310, doch bei der Slugging Percentage liegt Judge bei .646 und Hosmer nur bei .488. Das liegt daran, dass Judge 32 finale Homeruns erlaufen hat und Hosmer 15.

Nützlich können auch die beiden folgenden Statistiken sein: Value over Replacement Player (Wie viel Einfluss hat ein Spieler auf sein Team im Vergleich zu einem fiktiven Ersatzmann?) und Wins above Replacement (Wie viele Siege mehr bringt ein Spieler ein als sein fiktiver Ersatzmann?). Generell könnte man über „Sabermetrics“ ganze Doktorarbeiten schreiben.

Wer mehr über das Thema wissen will, kann bei Spox.com vorbeischauen (https://www.spox.com/de/sport/ussport/mlb/1707/Artikel/sabermetrics-war-obp-ops-slg-baseball-aaron-judge-moneyball.html). Wer Erklärungen zu den Fachbegriffen sucht, wird hier fündig: https://www.spox.com/de/sport/ussport/mlb/1703/Artikel/glossar-begriffe-erklaert-baseball.html.

Billy Beane revolutionierte den Sport und war Anfang der 2000er Jahre der meistumworbenste General Manger im Profi-Baseball. Die Boston Red Sox köderten ihn mit einem 12,5 Millionen Dollar Angebot, aber Beane lehnte ab.

Wieso warten die Oakland Athletics also immer noch auf die erste World Series Teilnahme seit 1990? Die anderen Teams in der MLB machten sich innerhalb kürzester Zeit die Innovationen von Beane zu eigen, sodass die vormals verborgenen Vorteile entfielen. Michael Lewis gab später zu, dass sein Buch den Erfolg der Oakland Athletics eindämmte, was er allerdings nicht beabsichtigt hatte. Die New York Times schrieb trocken: „Die Moneyball-Philosophie triumphierte letztlich, aber Billy Beane hat es nie ganz geschafft.“

Zwischen 2000 und 2003 zogen die Oakland Athletics immer in die Playoffs ein, allerdings mussten sie sich immer in der ersten Runde geschlagen geben. Das einzige, was es dem Streifen „Moneyball – die Kunst zu gewinnen“ fehlt, ist ein klassisches Hollywood-Ende. Nachdem Beane den Boston Red Sox abgesagt hatte, machte die Traditionsfranchise den 28-jährigen Theo Epstein zu ihrem General Manager. Mit jenem jüngsten General Manager der MLB-Geschichte gewannen die Red Sox zweimal die World Series.

Erfolg ist auch in Zeiten von Hightech und Optimierungsdenken nicht planbar. Zwar bauen MLB-Teams immer mehr auf Scouting-Analysten und Videotechniker und weniger als früher auf Spieler evaluierende Scouts, weiterhin ist es aber wichtig Talente zu entdecken und deren Potential zu beurteilen. Scouts müssen auch den Charakter, den Eifer, die Hingabe und zwischenmenschliche Qualitäten eines Spielers einschätzen können. Heutzutage verpflichtet ein Team in der Regel einen Spieler, wenn zwei Kriterien erfüllt sind: Wenn das, was die Scouts sehen, mit den Zahlen übereinstimmt.

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