Sonstiger Sport

Ski Alpin: 3312 Meter langer Nervenkitzel

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Jährlich pilgern Hundertausende nach Kitzbühel zum Hahnenkammrennen. Wegen seines steilen Gefälles gilt die Streif als Sicherheitsrisiko. In diesem Jahr erwischte es unter anderem den Führenden im Gesamtweltcup.

Das Abfahrtsrennen auf der legendären Streif in Kitzbühel gehört zum Ski Alpin Weltcup wie Wimbledon zum Tennis oder der Holmenkollen zum nordischen Skisport. Aber die 76. Auflage bereitete den Veranstaltern wieder einmal großen Grund zur Sorge. Ursache dafür: Schwere Stürze von Hannes Reichelt, Aksel Lund Svindal und Georg Streitberger.

Das alljährliche Rennen spaltet die Skisportgemeinde. Sicherheitsbefürworter halten das Hahnenkammrennen unter den jetzigen Bedingungen für nicht durchführbar. Sie argumentieren aber nicht nur mit den Stürzen aus diesem Jahr. 2008 verunfallte der US-Amerikaner Scott Macartney beim Zielsprung. Die Folge: Schädel-Hirn Trauma sowie tagelanges Koma. Ein Jahr später erwischte es Daniel Albrecht an gleicher Stelle. Angehörige und Freunde mussten wochenlang um die Gesundheit und die Karriere des Schweizers bangen, als er im künstlichen Koma lag. Letztlich läutete der Sturz Albrechts Karriereende 2013 ein.

2011 wurde der Zielsprung zwar entschärft, doch die Streif bleibt weiterhin das Mekka für Adrenalin-Junkies. Die höchste gemessene Geschwindigkeit stammt aus dem Jahr 2006 mit 153 km/h von Michael Walchhofer. Didier Cuche, 5-maliger Gewinner auf der Streif, sagt über das Rennen: „Richtig Angst hatte ich eigentlich nur einmal in meiner Karriere, das war als ich zum ersten Mal am Start des Hahnenkammrennens stand“.

Gleich zu Beginn beträgt das Gefälle steile 50 Prozent. Mit 120 km/h rasen die Fahrer in die Mausefalle (85 Prozent!). Danach folgt ein 50-60 Meter langer Sprung. Weiter unten treffen die Fahrer auf eine Schlüsselstelle, die sogenannte Hausbergkante mit der anschließenden Einfahrt in die Traverse. Der Ort, an dem der Gesamtweltcup-Führende Svindal, Reichelt und Streitberger an fast identischer Stelle stürzten.

Der Norweger Svindal erlitt einen Kreuzband- sowie einen Mensikusriss, für ihn ist die Saison vorbei. Dass auch für Streitberger das Saisonaus droht, konnte man schon kurz nach seinem Aufprall in den Fangnetzen erahnen. Wie sich später herausstellte, riss ihm das Kreuz-, Innen- und das Seitenband. Hannes Reichelt hatte desweiteren Glück im Unglück, er kam mit einer Knochenprellung davon und setzt alles daran, schon nächste Woche in Garmisch-Partenkirchen wieder an den Start zu gehen.

Den Gesamtweltcup dürfte der 33-jährige Svindal wohl an Marcel Hirscher verlieren. Doch so rechte Freude kam beim 4-maligen Weltcup-Gesamtsieger trotz des Ausscheidens seines härtesten Kontrahenten nicht auf. „Es ist momentan der Punkt, wo man sich Gedanken machen muss, was ist möglich und was ist schaffbar und was ist fahrbar und was ist zu gefährlich“.

Der Sieg des Südtirolers Peter Fill vor den Schweizern Beat Feuz (+0,37 Sek.) und Carlo Janka (+0,65 Sek.) geriet in dieser aufgewühlten Atmosphäre fast zur Randnotiz. Nach 30 von 57 Startern wurde das Rennen abgebrochen, nachdem der Präsident des österreichischen Skiverbandes Peter Schröcksnadel dem FIS-Renndirektor Markus Waldner per Telefon einen Abbruch des Rennens nahe legte. Waldner ließ zunächst das Rennen weiterlaufen und intervenierte erst, als mehr als die Hälfte aller Fahrer gestartet waren. Dadurch konnte das Rennen noch regelkonform in die Weltcupwertung eingehen.

Die Gefahr wird auf der Streif als einkalkuliertes Risiko angesehen. Kitzbühel hat mit dem Hahnenkammrennen einen Mythos geschaffen, den Mythos vom anspruchsvollsten und gefährlichsten Skirennen der Welt. Ob die 3312 Meter lange Abfahrt in Zukunft im Streckenverlauf gravierend verändert wird, bleibt genauso fraglich wie ein Abstieg des Hamburger Sportvereins aus der 1.Bundesliga. Denn für die Schwarzeneggers, Laudas und Beckenbauers, macht gerade das Spektakel und die Jagd nach Geschwindigkeit und Rekorden den Reiz aus. Dazu gehört auch, so zynisch es klingen mag, die Gefahr eines Sturzes.

 

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