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Fußball WM: Der Vize-Weltmeister kehrt als Gewinner heim

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Die kroatische Fußball-Nationalmannschaft hat das WM-Finale in einer höhepunktreichen Partie mit 2:4 gegen Frankreich verloren. Trotz der Trauer kurz nach dem Spiel kann sich die Mannschaft von Trainer Zlatko Dalic als Gewinner fühlen. Heute erwarten über 100.000 Fans die Spieler in Zagreb.

„Fußballerisch kann ich euch nichts beibringen“ hatte Zlatko Dalic zu Beginn seiner Amtszeit zu seinen Schützlingen gesagt. Ihm war von Anfang an bewusst, was für grandiose Einzelspieler er vorfand im Herbst 2017, als er in einer panikartigen Aktion von Verbandspräsident Davor Suker zum Nationaltrainer befördert wurde. Zuvor hatte Dalic Al-Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten trainiert, Al-Faisaly und Al-Hilal in Saudi-Arabien oder Dinamo Tirana in Albanien.

Der unbekannte Trainer schaffte noch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland, haarscharf hinter der Überraschung Island. Vor dieser WM galt Kroatien wie so oft in den vergangenen Jahren als Geheimtipp, vor allem im Hinblick auf die Einzelkönner Luka Modric und Ivan Rakitic. Dennoch musste die Mannschaft bei der EM 2016 im Achtelfinale die Heimreise antreten, bei der WM 2014 schon in der Gruppenphase unter Trainer Niko Kovac. Das Team hatte ihr großes Potential nicht abgerufen.

Die Mannschaft ist der Star, Modric steht an der Spitze

In Russland jedoch zeigte sich schon bald die mannschaftliche Geschlossenheit, die Kroatien fortan so auszeichnen sollte. Mit dem 3:0-Erfolg im zweiten Spiel gegen Argentinien schossen sie sich in den erweiterten Favoritenkreis. Dalic hatte die Individualisten auf seine Seite gezogen, ein System entwickelt, in dem die Mannschaft der Star war. Ein System, in das sich sowohl Individualisten als auch Kämpfertypen von der Sorte eines Ante Rebics oder Mario Mandzukics gleichermaßen fügten.

Ab dem Achtelfinale musste Kroatien dennoch mit Rückschlägen umgehen. Alles begann mit dem verschossenen Elfmeter von Luka Modric kurz vor Ende der Verlängerung gegen Dänemark, später im Nervenduell vom Punkt trat Modric wieder an, traf und weil seine Mitspieler ebenso nervenstark waren, setzte sich ihre Reise nach Moskau fort. Im Viertelfinale gegen Gastgeber Russland gelang das Weiterkommen wieder im dramatischen Elfmeterschießen.

Gegen England geriet man nach fünf Minuten in Rückstand, aber wieder bewiesen die Kroaten Nehmerqualitäten. In der Verlängerung erzielte der ehemalige FC Bayern-Stürmer Mandzukic das entscheidende Tor. Bereits mit dem Finaleinzug hatte Kroatien nationale Fußballgeschichte geschrieben. Bis zuletzt war ein dritter Platz bei der WM 1998 das beste Abschneiden der Geschichte.

Kroatien dominiert erste Halbzeit

Ins Finale gegen Frankreich ging Kroatien als leichter Außenseiter, die Anfangsphase dominierte allerdings zunächst „Hrvatska“. Couragiert und angriffslustig suchten sie ihr Glück im Angriff. In den Zweikämpfen gingen sie oft als Sieger hervor, das erste Tor erzielte ein Kroate. Zum Leidwesen seiner Landsleute köpfte Mandzukic allerdings ins eigene Tor (18.).

Eigentlich hätte es gar nicht dazu kommen dürfen, dem Tor ging schließlich ein unberechtigter Freistoß voraus, da Antoine Griezmann sich ebenso clever wie unsportlich hinfallen ließ, was der Schiedssrichter jedoch als Foul deutete. Ivan Perisic erhielt dann die Hoffnungen mit seinem technisch anspruchsvollen Schuss zum 1:1 am Leben (28.).

Bei einer Ecke wurde der Torschütze dann jedoch zum Pechvogel. Aus kurzer Distanz flog ihm der Ball an den Unterarm, nach ausgiebigem Videostudium entschied Nestor Pitana auf Strafstoß. Griezmann verwandelte trocken (38.). Zumindest das Schiedsrichterglück war an diesem Abend im Moskauer Luschniki-Stadion nicht auf Kroatiens Seite.

Frankreich beschränkte sich auf stabiles und sicheres Verteidigen, ihren pragmatischen Ansatz unter Trainer Didier Deschamps gaben sie auch im Finale nicht auf. Von der Führung beflügelt, kam die „Equipe Tricolore“ mit mehr Elan aus der Halbzeitpause. Blitzartiger Konterfußball führte zum 3:1 von Paul Pogba (59.) und wenige Momente später zum 4:1 durch den schnellen Mbappe (65). Der Siegeswillen der Kroaten schien gebrochen, obwohl Mandzukic nach einem Fehler von Torwart Hugo Lloris noch einmal traf (69.).

Für Luka Modric gab es mit dem goldenen Ball für den besten Spieler des Turniers schließlich noch einen Trostpreis, auch wenn er sehr geknickt dreinblickte. Betrachtet man die Voraussetzungen, kann man Kroatiens Erfolg gar nicht hoch genug würdigen. Nur knapp mehr als 4 Millionen Menschen leben in einem Land, das so groß wie Sachsen ist.

Die Tageszeitung Jutarnji List schrieb: „Der Schmerz wird schnell vergehen. Die Erinnerung an diese Tage des Stolzes und Ruhmes wird bleiben.“ Auch bei Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic schienen die positiven Gefühle zu überwiegen. Bei der Medaillenzeremonie drückte sie sogar die Schiedsrichter fest an sich, obwohl diese teils fragwürdig gepfiffen hatten.

Prozess gegen Luka Modric

Die Negativschlagzeilen der letzten Monate sind während der letzten Wochen in den Hintergrund gerückt. Luka Modric droht nach einer Falschaussage im Prozess gegen Zdravko Mamic bei Verurteilung eine jahrelange Haftstrafe. Mamic, ehemaliger Präsident von Dinamo Zagreb, wurde bereits zu sechseinhalb Jahren Gefägnis verurteilt, weil er umgerechnet rund 17 Millionen Euro bei Spielertransfers in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Auf den Star von Real Madrid könnten stürmische Zeiten warten.

Sollte er auf freiem Fuß bleiben, steht der 1,72 Meter große Mittelfeldspieler gleichwohl im Herbst seiner Karriere. Modric wird bald 33, es ist unwahrscheinlich, dass er in viereinhalb Jahren in Katar noch dabei ist. Auch die anderen Leistungsträger wie Mandzukic (32), Torwart Danijel Subasic (33), Dejan Lovren (29), Perisic (29) und Rakitic (30) befinden sich im fortgeschrittenen Fußballer-Alter. In derselben Formation werden sie bei der WM 2022 wohl nicht mehr antreten.

Obwohl die Zukunft manches Fragezeichen aufwirft, steht in den nächsten Tagen das Feiern im Mittelpunkt. Sicher ist nur eines: Die Party haben sie sich verdient.

 

Aufstellung Frankreich: Lloris – Pavard, Varane, Umtiti, Lucas – Pogba, Kanté (55. N’Zonzi) – Mbappé, Matuidi (73. Tolisso) – Griezmann – Giroud (81. Fekir)

Aufstellung Kroatien: Subasic – Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinic (81. Pjaca) – Brozovic – Rakitic- Rebic (71. Kramaric), Modric, Perisic – Mandzukic  

Tore: 1:0 Mandzukic (18., Eigentor), 1:1 Perisic (28.), 2:1 Griezmann (38., Handelfmeter), 3:1 Pogba (59.), 4:1 Mbappé (65.), 4:2 Mandzukic (69.)

Zuschauer: 78011 (ausverkauft)

 

 

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