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NBA: Neue Basketballhauptstadt in Los Angeles

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Die Nordamerikanische Basketball-Liga (NBA) hat sich innerhalb von einer Woche komplett verändert. Die Dynastie der Golden State Warriors scheint vorerst beendet. Inzwischen haben sich neue Super-Teams gebildet: In Brooklyn, und zwei in Los Angeles.

Wäre die NBA eine Telenovela und die Fans könnten die Geschehnisse abseits der Spiele in den Konferenzräumen und Spielerkabinen verfolgen – sie wäre ein Kassenschlager. Wechselgerüchte, Krach zwischen Spielern, (vermeintliche) Hoffnungsträger. Die Zuversicht auf bessere Jahre auf der einen Seite, das Bemühen, den Status quo zu halten auf der anderen. Chronisch miserabel geführte Teams wie die New York Knicks der letzten zwanzig Jahre dienen als Abschreckungsbeispiel, während die San Antonio Spurs, deren vorbildhafte Rolle niemals auserzählt ist, als Idealtypus fungieren. Aber selbst wenn man nicht unmittelbar dabei ist, beweist die NBA turnusmäßig ihren Seriencharakter. Vor allem in diesem Sommer hat die beste Basketball-Liga der Welt ihre Fans zum Bangen, Mitfiebern, Staunen und Nägelkauen eingeladen.

 

Brookyln Nets

Um Mitternacht am 1. Juli deutscher Zeit geriet das Kräftegleichgewicht der NBA zum ersten Mal aus den Fugen: Die beiden mehrfachen All-Stars Kevin Durant und Kyrie Irving unterschrieben jeweils einen Vierjahresvertrag bei den Brooklyn Nets. Die kommende Saison wird Durant wegen einer Achillessehnenverletzung verpassen. Zwar gibt es Fragezeichen, in welcher Verfassung Durant zurückkehren wird und ob Irving anders als bei den Boston Celtics als tadelloser Führungsspieler in Erscheinung treten kann, dennoch hat Brooklyn auf einen Schlag einen Titelanwärter zusammen, wenn Durant wieder fit ist. DeAndre Jordan, ein Freund von Irving und Durant, unterzeichnete ebenfalls bei den Nets.

Schon im letzten Jahr qualifizierte sich Brooklyn für die erste Playoff-Runde. Spieler wie Caris LeVert, Spencer Dinwiddie, Jarrett Allen und Joe Harris hinterließen einen blendenden Eindruck. Die intakte Teamchemie und der umgängliche Trainer Kenny Atkinson schienen das Team zu beflügeln. Ob Irving die Wohlfühloase durcheinanderbringen wird, bleibt abzuwarten. D’Angelo Russell, dem in der auslaufenden Saison ein riesiger Entwicklungsschritt gelang, musste aus Gehaltsgründen die Franchise verlassen und unterschrieb bei den Golden State Warriors.

 

Golden State Warriors

Stephen Curry, Draymond Green und D’Angelo Russell, dazu Klay Thompson, der nach seinem Kreuzbandriss in den NBA-Finals im März oder April 2019 wieder mitwirken sollte. Die Aufstellung liest sich fein, aber Durants Abgang schmerzt enorm. Mit ihm verlieren die Warriors einen der verheerendsten Offensivspieler der Liga. Der 2,11 Meter Schlaks besitzt die Fähigkeit, über jeden Verteidiger hinüberzuwerfen. Immer wenn Golden State Körbe brauchte oder Curry und Thompson einen ihrer seltenen gebrauchten Tage erwischten, konnte sich das Team auf Durant verlassen. Nicht ohne Grund bezeichnet man den zweimaligen Finals-MVP als „Human Cheat Code“, als menschgewordene Mogelpackung. Das ist nicht böse gemeint, sondern eher als anerkennendes Lob für sein Fähigkeitenpaket zu verstehen.

Zudem blieb den Warriors in finanzieller Hinsicht nichts anderes übrig als Andre Iguodala gehenzulassen. Für die Defensive ein herber Rückschlag. Mancher Experte rechnet sogar damit, dass der Finalist der Jahre 2015 bis 2019 die Playoffs verpasst. Auf keinen Fall sollte man aber den Fehler machen, das Team abzuschreiben. Wenn der Backcourt um Curry und Russell harmoniert, könnte eine Überraschung möglich sein. Zum Beispiel ein erneuter Finaleinzug 2020.

Toronto Raptors

In den Finals 2019 scheiterten die Golden State Warriors an den Toronto Raptors, die als erste kanadische Mannschaft Meister wurden. Die Aussichten auf eine Titelverteidigung sind allerdings zusammengeschrumpft, was einerseits am Abgang von Danny Green zu den Los Angeles Lakers liegt, aber vor allem mit Kawhi Leonard zu tun hat. Der wurde erst vor drei Wochen zum Finals-MVP gekürt und hat in Kanada einen Basketball-Hype entfacht, jetzt aber hat er den Raptors den Rücken gekehrt.

Als Free Agent konnte er sich seinen künftigen Arbeitsplatz aussuchen. Die Raptors versuchten ihn freilich vom Verbleib zu überzeugen, während auch die beiden Teams aus seiner Heimatstadt Los Angeles um Leonards Gunst buhlten. Chris Broussard von Fox Sports berichtete, dass die Lakers Leonards erste Wahl seien. Ex-NBA-Spieler Jalen Rose gab bei ESPN zu Protokoll „zu 99 Prozent“ sicher zu sein, dass der Flügelspieler in Toronto bleibt. Alles für die Tonne. Am Samstagmorgen deutscher Zeit wurde die NBA-Welt ein weiteres Mal erschüttert, als bekannt wurde, dass Leonard seine Unterschrift unter ein Papier der Clippers setzen wird. Dazu später mehr.

Leonard hinterlässt keinesfalls einen Scherbenhaufen, haufenweise unversehrtes Porzellan haben die Raptors allerdings auch nicht mehr im Schrank stehen. Leistungsträger wie Marc Gasol (34) und Kyle Lowry (33) werden mit voranschreitendem Alter wohl leistungsmäßig abbauen. Der jüngst zum Most Improved Player gewählte Pascal Siakam könnte in der nächsten Saison All-Star werden. Mit Fred VanVleet sowie OG Anunoby planen die Raptors ebenfalls langfristig. Sollte General Manager Masai Ujiri nicht wieder ein exquisites Tauschgeschäft wie damals bei Leonard einstehlen, müssen sich die Raptors jedoch mit einem Platz im Tabellenmittelfeld zufriedengeben.

 

Los Angeles Clippers

Wie die Brooklyn Nets erreichten auch die Los Angeles Clippers in der Vorsaison die Playoffs. Als Achtplatzierter der Hauptrunde konnte man gegen die Golden State Warriors sogar zwei Partien für sich entscheiden. Leistungen, mit denen nicht unbedingt zu rechnen war. Seit dem heutigen Samstag gelten die Clippers allerdings nicht mehr nur als eingeschränkter Playoff-Kandidat ohne wirklichen Superstar; mit Kawhi Leonard und Paul George wechselten gleich zwei Spitzenkräfte zu den Clippers. Jackpot. Wie erwähnt hat sich Kawhi Leonard als Free Agent für die Clippers entscheiden. Das Versprechen, sich ihnen anzuschließen, knüpfte Leonard an die Bedingung, dass ein weiterer Star an Land gezogen wird. So kam es auch.

Der Preis für Paul George ist stattlich, aber angesichts des Gegenwerts mussten die Kalifornier wohl nicht lange überlegen: Danilo Gallinari, Shai Gilgeous-Alexander und fünf Erstrunden-Draftpicks wandern im Gegenzug zu den Oklahoma City Thunder. Dafür sieht die Gegenwart rosig aus in Los Angeles. Wenn Leonard und George gesund bleiben, sind die Clippers in jedem Fall Titelkandidat über die nächsten Jahre. Die beiden sind starke Offensivspieler und auch elitäre Verteidiger, genau wie Kettenhund Patrick Beverley, der im Angriff allerdings deutlich weniger anbietet. Aber das muss Beverley auch gar nicht. Lou Williams, der 2019 die Auszeichnung zum besten sechsten Mann zum dritten Mal eingeheimst hat, gibt dem Team offensive Feuerkraft. Montrzel Harrell liefert Energie und ist als athletischer Center perfekt für Pick-and-Roll-Situationen. Zweitjahresprofi Landry Shamet besitzt eine herrliche Wurfmechanik und trifft sehr effizient.

Beinahe alle NBA-Champions der letzten Jahre waren sowohl in der Verteidigung als auch im Angriff unter den Top-10 im Net-Rating (Statistik, die die Punktedifferenz wiedergibt, die ein Team im Durchschnitt pro 100 Angriffe erzielt hat). Die Voraussetzungen für Extraklasse an beiden Enden des Feldes haben die Clippers gewiss geschaffen. Im Optimalfall könnten die Clippers die erste Meisterschaft ihrer Geschichte einsacken.

 

Los Angeles Lakers

In der diesjährigen Free Agency hielt die Traditions-Franchise aus Los Angeles lange Zeit die Füße still, da ja die Möglichkeit bestand, dass Leonard in seine Geburtsstadt wechselt. Das tat der 28-Jährige dann auch, nur eben zu den Clippers und nicht zu den Lakers. Obwohl Los Angeles als Destination durchaus interessant ist und die Lakers künftig auch Titelkandidat sind, gingen ihnen mehrere namhafte Free Agents wie J.J. Redick oder Jeremy Lamb durch die Lappen.

Wenige Minuten nachdem die Hängepartie um Leonard ihr Ende gefunden hatte, verpflichteten die Lakers gleich drei Akteure: Mit Kentavious Caldwell-Pope und JaVale McGee zwei Rückkehrer, mit Danny Green kam ein Stück Championship-Identität aus Toronto. Einen halben Tag später schlossen sich Rajon Rondo, Quinn Cook und DeMarcus Cousins den Lakers an. Letzterer galt vor zwei Jahren noch als einer der drei besten Center der Liga, doch seine Verletzungshistorie und sein Hang zur Unbeherrschtheit haben seinen Marktwert sinken lassen. Bei den Lakers unterschreibt Cousins einen Einjahresvertrag über 3,5 Millionen US-Dollar. Viel Geld, aber kein Vergleich zu den 18 Millionen, die er 2017 bei den New Orleans Pelicans verdiente. Apropos Pelicans: Cousins wurde angeblich von seinem Ex-Mitspieler Anthony Davis überzeugt, zu den Lakers zu kommen.

Der in seine Blütezeit kommende Davis wurde vor drei Wochen für Brandon Ingram, Lonzo Ball, Josh Hart und drei Erstrunden-Draftpicks von den Pelicans losgeeist. Schon seit Sommer 2018 spielt der inzwischen 34-jährige LeBron James bei den Lakers. Zwei Superstars in James und Davis und in Cousins einen, der diesen Status einst innehatte, machen aus den Lakers einen legitimen Titelanwärter. James wird viele neue Gesichter sehen, wenn die Mannschaft wieder das Training aufnimmt. Mit der Vorsaison hat der neue Kader jedenfalls nicht mehr viel gemeinsam. Prognosen sind schwierig, gerade im Hinblick auf Verletzungen und potentielle Trades, aber Stand heute scheint es nicht unrealistisch, dass die beiden Schwergewichte aus Los Angeles in den Western-Conference-Finals 2020 aufeinandertreffen.

 

Philadelphia 76ers

Hätte Kawhi Leonard seinen ikonischen Wurf im siebten Spiel der Western-Conference-Semifinals nicht verwandelt, wer weiß, ob die die Philadelphia 76ers nicht den Sieg davongetragen hätten. Eine Serie gegen die Milwaukee Bucks um die Teilnahme an den Finals hätte in Sachen Spannung auch ihren Reiz gehabt. Vielleicht bietet sich „der Stadt der brüderlichen Liebe“ im kommenden Frühsommer erneut die Chance auf die Krone. Das Dreiergespann Joel Embiid, Ben Simmons und Tobias Harris bleibt zusammen. Jimmy Butlers Weggang nach Miami hat dennoch eine Lücke gerissen. Als sich Embiid in den Playoffs verletzungsgeplagt über den Platz schleppte, war Butler Option Nummer eins. Einer wie der 29-Jährige, der so selbstbewusst und überzeugt von sich zu sein scheint, sogar das Meer teilen zu können, ist nicht reibungslos zu ersetzen.

Josh Richarson hat in den letzten Jahren gute Ansätze gezeigt, muss aber insbesondere als Dreierschütze glänzen. Die mit Abstand beste Akquisition war jedoch die von Al Horford aus Boston. Trotz seiner 33 Jahre ist der Dominikaner längst noch kein altes Pferd im neuen Stall der 76ers. Im Gegenteil: Horford zählt seit Jahren zu den notorisch Unterschätzten. Gemeinsam mit Embiid dürfte er das beste Big-Men-Duo des Ostens bilden. Er ist defensiv eher unspektakulär, aber ungemein clever. Auch offensiv weiß Horford beizutragen durch seinen Distanzwurf, sein Dribbling und seine Passfähigkeiten. Stand heute sind Philadelphia und die Milwaukee Bucks die Favoriten im Osten.

 

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