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NBA: Brooklyns Ballvirtuosen ausgebremst

Maxim Pierre (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brooklyn_Nets_floor_graphics.jpg), „Brooklyn Nets floor graphics“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Die Brooklyn Nets galten als einer der größten Favoriten auf den NBA-Titel. Nach der 111:115-Niederlage im siebten Spiel gegen die Milwaukee Bucks sind sie nun in den Eastern Conference Semifinals ausgeschieden. Die Stars Kevin Durant, James Harden und Kyrie Irving sollten in den Playoffs Verantwortung übernehmen. Aber während Durant auftrumpfte, wurden die beiden anderen durch Verletzungen ausgebremst.

Siebeneinhalb Jahre stand James Harden in Diensten der Houston Rockets. Mitte Januar 2021 hatte er allerdings keine Lust mehr auf die Rockets. Nach einer Niederlage gegen die Los Angeles Lakers sagte der 31-Jährige: „Wir sind einfach nicht gut genug. Ich liebe diese Stadt, ich habe ihr jahrelang alles gegeben, was ich habe. Aber diese Situation lässt sich in meinen Augen nicht mehr reparieren.“

Während Harden in den Vorjahren an der Seite von Chris Paul oder später Russell Westbrook tiefe Playoff-Läufe mit den Rockets zustande brachte und 2018 der Einzug in die Finals denkwürdig knapp verpasst wurde, schien das Team der Saison 2020/2021 nicht den hohen Ansprüchen des wertvollsten NBA-Spielers von 2018 zu genügen. Harden wollte weg – sofort, obwohl er bei Houston noch unter Vertrag stand. Er selbst hatte erkennbar Übergewicht aus dem Urlaub mitgebracht, weshalb Houston die Entscheidung, dem Wechselwunsch ihres besten Spielers nachzukommen, etwas leichter fiel.

Nets werden zum Super-Team

Die Brooklyn Nets sollten zum Profiteur der Gegebenheiten werden: In das Tauschgeschäft, welches Harden am 13. Januar nach Brooklyn beförderte, waren insgesamt vier Franchises involviert. Zwar mussten die Nets drei Draftpicks in der 1. Runde (2022, 2024, 2026), vier Pick-Swaps in der 1. Runde (2021, 2023, 2025, 2027) und die wertvollen Leistungsträger Caris LeVert, Taurean Prince und Jarrett Allen abgeben, dafür komplettierte Harden das Super-Team um Kevin Durant und Kyrie Irving. The Rich got richer.

Drei Superstars in einer Mannschaft hatte es bei den Miami Heat mit LeBron James, Dwayne Wade und Chris Bosh zwischen 2010 und 2014 gegeben. Auch die Golden State Warriors zwischen 2016 und 2019 mit bereits erwähntem Durant, Stephen Curry und Klay Thompson können als Super-Team bezeichnet werden.

Durants Zeit bei den Warriors war von Erfolg gekrönt, er gewann zwei Meisterschaften und wurde zweimal zum Finals-MVP gekürt. Dennoch ging bei vielen Beobachtern die Sorge um, das Superstar-Trio um ihn, Harden und Irving würde sich nicht verstehen und es könnte Konflikte geben, wenn ein Star deutlich mehr Würfe für sich in Anspruch nehme als die anderen. Alle drei sind schließlich balldominante Scorer – wobei jeder den Anspruch haben könnte, die Nummer eins zu sein. Außerdem zweifelten viele am Leistungsvermögen der Nets-Verteidigung, da Irving und Harden nicht als Defensivstopper bekannt sind.

Bevor man die drei zum ersten Mal gemeinsam auf dem Parkett gesehen hatte, erstreckte sich die Diskussion über die Erfolgschancen des Super-Teams zwischen zwei Extremen: Im Worst Case würde das Team aufgrund gekränkter Egos und ungebremstem Geltungsdrang ihr volles Potential nicht entfalten können. Im Best Case würden die individuellen Stärken der Stars zu einem unaufhaltsamen Offensivspektakel führen.

Star-Trio mit Verletzungsproblemen

Immer wenn die drei einsatzfähig waren, überwog jedoch das Positive: Die Offensive der Nets überrollte ihre Gegner, während defensive Nachlässigkeiten nicht wesentlich ins Gewicht fielen. Das Problem: Durant, Harden und Irving absolvierten insgesamt nur acht gemeinsame Partien in der regulären Saison. Von den 72 Spielen bis zu den Playoffs bestritt Durant 35, Harden 44 und Irving 54.

Nachdem Durant sich im Juni 2019 einen Achillessehnenriss zuzog, musste er eine gesamte Saison aussetzen. Eine der schwerwiegendsten Verletzungen im Basketball, nur wenige NBA-Spieler konnten nach dieser Diagnose ihr altes Niveau erreichen. Nicht so Durant. Mit welcher Dynamik und Treffsicherheit der inzwischen 32-Jährige die NBA-Bühne ab Dezember 2020 wieder betrat, war beeindruckend.

In der regulären Saison erzielte Durant 26,9 Punkte bei phänomenalen Wurfquoten (53,7 Prozent aus dem Feld, 45 Prozent von hinter der Dreierlinie). Aufgrund einer Oberschenkelverletzung war der 2,08 Meter-Schlaks allerdings erneut über einen längeren Zeitraum nicht einsatzfähig. Auch James Harden (24,6 Punkte; 10,9 Assists) und Kyrie Irving (26,9 Punkte; 6,0 Assists) waren sehr produktiv – wenn sie denn spielten.

Maxim Pierre (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brooklyn_Nets_floor_graphics.jpg), „Brooklyn Nets floor graphics“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Mit 48 Siegen und 24 Niederlagen belegte Brooklyn Platz zwei im Osten, weshalb sie in der ersten Playoff-Runde auf die Siebtplatzierten Boston Celtics trafen. In der best-of-seven-Serie ließen die Nets keine Zweifel am Erfolg aufkommen und besiegten Boston souverän mit 4:1. In den 130 gemeinsamen Playoff-Minuten der drei Stars erzielten die Nets auf 100 Ballbesitze gerechnet 22,1 Punkte mehr als der Gegner. Die Qualität zahlte sich aus. In der nächsten Runde warteten die Milwaukee Bucks, die 2018/2019 und 2019/2020 von der Bilanz her jeweils das beste Team des Ostens stellten, aber sich dann spätestens in den Conference Finals geschlagen geben mussten.

Der erste Dämpfer für Brooklyn erfolgte nach 43 Sekunden in der Auftaktpartie. James Harden zerrte sich seinen Oberschenkel und konnte nicht mehr weiterspielen. Zusätzlich verpasste er auch noch die Spiele zwei, drei und vier. Trotzdem gewannen die Nets mit Durant und Irving die ersten beiden Spiele, darunter das zweite deutlich mit 39 Zählern. In der Mitte der vierten Begegnung allerdings zog sich Irving eine Knöchelverletzung zu, infolgedessen er den Rest der Serie von der Bank aus verfolgen musste.

Als Harden im fünften Spiel wieder zurückkehrte, war er sichtlich eingeschränkt. Seine Geschmeidigkeit und Spritzigkeit waren ihm genau wie seine Treffsicherheit abhandengekommen. Im fünften Spiel setzte er jeden seiner acht Dreierversuche daneben, im entscheidenden siebten Spiel traf er nur fünf seiner 17 Feldwürfe. Er schien noch nicht bereit zu sein, um kompetitiven Basketball zu spielen.

„Ich habe mit einer Oberschenkelverletzung zweiten Grades gespielt. Ich habe im Prinzip auf einem Bein gespielt. Ich konnte es auch gar nicht testen, ich habe das während des Spiels gemacht“, bemerkte Harden nach der Serie. Nichtsdestotrotz ließ Nets-Coach Steve Nash seinen Spielmacher mit Ausnahme eines kurzen Einwurf-Plays das komplette Spiel über durchspielen.

Durant stemmt sich gegen Playoff-Aus

Durant spielte jede einzelne Sekunde im siebten Spiel, das 53 Minuten dauerte, nachdem er selbst die Partie durch einen Wunder-Wurf in die Verlängerung geschickt hatte. Sogar Bruce Brown, der in der regulären Saison etwa 22 Minuten pro Partie spielte, kam auf 52 Minuten Einsatzzeit. Während der Trainer zu Beginn der Serie noch auf Nicolas Claxton und Mike James gesetzt hatte, spielten die beiden in den letzten Duellen keine Rolle mehr. Der 47-jährige Nash, wie Durant und Harden als Spieler ebenfalls ehemaliger NBA-MVP, setzte zuletzt auf eine Rotation bestehend aus sieben Spielern: Kevin Durant, James Harden, Bruce Brown, Joe Harris, Blake Griffin sowie die beiden Bankspieler Jeff Green und Landry Shamet.

Das siebte Spiel war an Spannung kaum zu übertreffen. Die Spieler beider Teams hechteten jedem Ball hinterher, als wären sie sprunggewaltige Fußballtorhüter. Milwaukees PJ Tucker störte Kevin Durant bei der Ballannahme, beim Dribbling, im Low Post und erschwerte ihm jeden Wurf. Durant allerdings scherte sich nicht darum. Sein Größenvorteil gegenüber Tucker und seine Fähigkeit, Würfe von nahezu überall aus dem Halbfeld zu treffen, waren ein permanenter Gefahrenherd. Durant verwandelte 17 seiner 36 Feldwürfe und erzielte insgesamt 48 Punkte.

Highlights der letzten Minuten des siebten Spiels zwischen den Brooklyn Nets und Milwaukee Bucks

Hätte Durant statt Schuhgröße 53 allerdings 43, wäre sein spektakulärer Fadeaway-Wurf am Ende des vierten Viertels womöglich sogar als Dreier statt als Zweier gewertet worden und die Nets wären in die nächste Runde eingezogen. So ging es in die Verlängerung, in der Brooklyn nur noch zwei Punkte beisteuern konnte. Die letzten zehn Wurfversuche der Nets verfehlten allesamt ihr Ziel.

Auch die Müdigkeit bedingt durch die kurze Rotation und die Verletzungssorgen gaben schließlich den Ausschlag zugunsten der Bucks, aber auch Milwaukee-Trainer Mike Budenholzer vertraute gegen Ende der Serie einem immer kleineren Aufgebot an Akteuren. Im Übrigen griffen sich die Bucks 18 Offensiv-Rebounds, die zu 22 Punkten im zweiten Anlauf führten. Die Nets hingegen schnappten sich nur 11 Offensiv-Rebounds.

Western Conference SemifinalsErgebnis
Spiel 1Brooklyn Nets – Milwaukee Bucks115 : 107
Spiel 2Brooklyn Nets – Milwaukee Bucks125 : 86
Spiel 3Milwaukee Bucks – Brooklyn Nets86 : 83
Spiel 4Milwaukee Bucks – Brooklyn Nets107 : 96
Spiel 5Brooklyn Nets – Milwaukee Bucks114 : 108
Spiel 6Milwaukee Bucks – Brooklyn Nets104 : 89
Spiel 7Brooklyn Nets – Milwaukee Bucks111 : 115 (nach Verlängerung)

Bei Milwaukee gelang dem zweimaligen Saison-MVP Giannis Antetokounmpo mit 40 Punkten, 13 Rebounds und 5 Assists ein famoser Auftritt, doch auch er zollte der Leistung von Durant Anerkennung: „Ich habe es schon vor ein paar Tagen gesagt, er ist der beste Spieler der Welt. Und er ist es immer noch“, sagte der Grieche. Durants Statistiken in den sieben Spielen gegen die Bucks waren glanzvoll: 35,4 Punkte; 10,6 Rebounds; 5,4 Assists; 49,7 Prozent Feldwurfquote; 35,2 Prozent Dreierquote. Im fünften Spiel gelangen ihm 49 Punkte.

Als heißester Anwärter auf den NBA-Titel wurden die Brooklyn Nets ihren Ansprüchen im Endeffekt nicht gerecht, angesichts der Verletzungen war das Unterfangen allerdings sehr schwierig geworden. „Uns fehlt Kyrie. James spielt auf nur einem Bein. Und dennoch hätten wir gewinnen können. Letzlich war es eine Hürde zu viel“, lautete das Fazit von Nash. Die personellen Ausfälle waren nicht aufzufangen – diesmal auch nicht vom Edelschützen Joe Harris, dessen überragende Saison-Dreierquote von 47,5 Prozent gegen die Bucks um 15 Prozent zurückging.

Wie sieht der Nets-Kader 2021/2022 aus?

Mit Spencer Dinwiddie, der im Vorjahr noch 20,6 Punkte im Schnitt erzielt hatte, fiel noch dazu ein weiterer Schlüsselspieler beinahe die komplette Saison inklusive der Playoffs aus. Laut Informationen von Adrian Wojnarowski (ESPN) verzichtete Dinwiddie darauf, seine Spieleroption für ein weiteres Jahr im Trikot der Nets zu ziehen. Folglich wird der 28-Jährige Free Agent und könnte potentiell bei jedem NBA-Team unterschreiben. Ob Blake Griffin und Jeff Green über diesen Sommer hinaus im dicht besiedelten Stadtbezirk von New York bleiben, ist noch offen.

Beim defensivstarken Bruce Brown dagegen sitzen die Nets am längeren Hebel. Brown wird in diesem Sommer Restricted Free Agent. Das bedeutet: Die Nets können mit jedem Angebot eines anderen Teams mitgehen – sofern sie denn wollen. Finanziell hat Brooklyn schon in diesem Jahr die Gehaltsobergrenze gesprengt. Aktuell beträgt diese 109 Millionen Dollar, durch Zahlung einer sogenannten Luxussteuer darf sie dennoch überschritten werden. Für die Saison 2020/2021 wird keine Franchise mehr Luxussteuer bezahlen müssen als die Nets: rund 95 Millionen Dollar. Daran wird sich in den nächsten Spielzeiten vermutlich nicht viel ändern.

Durant, Harden und Irving stehen allesamt bis 2022 fest unter Vertrag in Brooklyn. Jeder der drei kann auch eine Spieleroption für 2022/2023 in Anspruch nehmen. Nichtsdestotrotz möchten die Nets mit dem Trio vorzeitig verlängern. Man bliebe Titelkandidat in den nächsten Jahren, sollten sich die Stars nicht erneut zu ungünstigen Zeitpunkten verletzen. Die drei können sich entscheiden, ob sie 2022 Free Agents werden oder ob sie jeweils eine Vertragsverlängerung bis 2025/2026 unterschreiben wollen.

Durant ist 32 Jahre alt, Harden 31 und Irving 29. Die körperliche Belastung wird im Alter zunehmen und die Verletzungsanfälligkeit des Trios sollte weiterhin ein Thema sein, aber vom Potential her dürften die Nets das beste NBA-Team bleiben – sollten sie ihren Kern zusammenhalten können.

Irving und Harden waren nicht die einzigen All-Stars, die in dieser Saison verletzungsbedingt mindestens eine Playoff-Partie verpassten. Kawhi Leonard (Los Angeles Clippers), Anthony Davis (Los Angeles Lakers), Joel Embiid (Philadelphia 76ers), Jaylen Brown (Boston Celtics), Donovan Mitchell (Utah Jazz) und Mike Conley (Utah Jazz) erwischte es ebenfalls.

Nachdem die vergangene Saison aufgrund der Corona-Pandemie erst Mitte Oktober 2020 ihr Ende fand und nicht wie gewöhnlich Mitte Juni, wurde die reguläre Saison der darauffolgenden Spielzeit von 82 Partien auf 72 Spiele reduziert. Bereits am 22. Dezember 2020 begann die aktuell noch laufende Saison. Die Miami Heat und die Los Angeles Lakers hatten als Finalisten gerade einmal 71 Tage zwischen beiden Spielzeiten. Kaum Zeit für Erholung, gründliche Vorbereitungsphase und Testspiele.

Ein mögliches siebtes Finalspiel würde am 22. Juli 2021 stattfinden. Zur Saison 2021/22 soll die NBA wieder mit einer Rückkehr zum alten Zeitplan liebäugeln – mit einem Saisonstart im Oktober und den Finals im Juni des darauffolgenden Jahres. Für die an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmenden Spieler wird die Belastung allerdings nicht gerade kleiner. Man kann nur hoffen, dass in den Playoffs im nächsten Jahr wieder so viele Stars wie möglich zur Verfügung stehen. Die Fans der Brooklyn Nets werden sicherlich die Daumen drücken.

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