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Basketball: Rickey und die starken Männer erleiden Schiffbruch in München

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Die EWE Baskets Oldenburg haben im ersten Halbfinale des Basketball-Bundesliga-Finalturniers in München klar gegen Alba Berlin verloren. Die sonst so physisch auftretende Mannschaft von Trainer Mladen Drijencic präsentierte sich vor allem in der zweiten Halbzeit erschreckend leblos.

Das Verfallsdatum von Basketballern bei Bundesligateams läuft meist ziemlich schnell aus, entweder weil ein Sportler zu Höherem berufen ist oder weil sich der Verein umorientieren möchte, ein neuer Trainer eingestellt oder der Etat knapp wird. Deutsche Landsmänner verweilen schon mal eher bei einem BBL-Klub. US-Amerikaner, die irgendwo in Europa eine dauerhafte Basketballheimat finden, sind jedoch ungewöhnlich.

Rickey Paulding ist so eine Ausnahme: Er trägt seit nunmehr 13 Jahren das gelb-blaue Trikot der EWE Baskets Oldenburg und ist zur Identifikationsfigur der Niedersachsen, aber auch der gesamten Liga geworden. Im Basketball-Jargon wird Oldenburg spaßeshalber seit Jahren „Pauldingburg“ genannt. Aus dem Spaß spricht aber auch jede Menge Respekt. Seit 2016 zieren Pauldings ausgestreckte Arme und sein Oberkörper ein Wandgemälde in Nähe der Spielstätte des Teams.

Schon längst verzichtet der 37-Jährige nach eigener Aussage darauf, Angebote anderer Vereine anzunehmen. Die Stadt Oldenburg hat ihn liebgewonnen und er sie. Der aus Detroit stammende US-Amerikaner wohnt in der ehemaligen Residenzstadt mit seiner Frau und seinen drei Kindern, die er bei manchen Spielen auf dem Arm mit zum Interview nimmt. Bereits dreimal wurde er zum beliebtesten BBL-Spieler der Saison gewählt. Paulding und der viermalige Preisträger Per Günther von rathiopharm Ulm  teilten sich in der Vergangenheit mehr oder weniger diese Auszeichnung.

Zwei weitere Jahre

Paulding hat über 500 BBL-Spiele bestritten, in der ewigen Punkteliste belegt er Platz zwei hinter Mike Jackel. Und wie es aussieht, werden noch etliche Spiele dazukommen. Ende Februar unterschrieb Paulding eine Vertragsverlängerung bis 2022. Trainer Mladen Drijencic sprach fast ehrfurchtsvoll über die Vereinslegende: „Ich habe es in dieser Saison schon einmal gesagt: Ich danke jeden Morgen dem lieben Gott, dass Rickey in meiner Mannschaft spielt und unser Kapitän ist. Wir dürfen nicht vergessen: Was Rickey hier abliefert ist nicht normal.“ Einen Spieler wie ihn habe Drijencic noch nie erlebt.

Es ist über ein Jahrzehnt her, als Paulding mit Oldenburg deutscher Meister wurde. Im Juni 2009 gewann er mit Oldenburg im Finale gegen die Telekom Baskets Bonn. Damals wurde er sogar zum wertvollsten Spieler der Finalserie gewählt. Fast auf den Tag genau 11 Jahre später ist das Finale und der Titel für seine Mannschaft erneut erreichbar, nur die Chancen sind seit Montagabend dahingeschrumpft. Gegen Alba Berlin setzte es eine 62:91-Niederlage. Angesichts des Turniermodus mit Hin- und Rückspiel ist der Einzug zwar noch möglich, ein Erfolg mit 30 Punkten Differenz am Mittwoch (20.30 Uhr, Magentasport.de) ist allerdings nicht sehr realistisch.

Spannung nur in der Anfangsphase

Oldenburg hielt die Partie anfangs offen, einer 15:13-Führung der Niedersachsen setzten die Hauptstädter jedoch einen 9:0-Lauf entgegen. Albas Marcus Eriksson verwandelte Distanzwürfe mit einer Präzision, die man sonst nur von Chirurgen kennt. Aufbauspieler Peyton Siva demonstrierte wieder einmal seine Kaltschnäuzigkeit. Martin Hermannsson, Johannes Thiemann, Luke Sikma und Landry Nnoko zeigten auf Seiten der Berliner ebenfalls eine gute Leistung. Die gesamte Berliner Mannschaft spielte immer wieder freie Würfe heraus; uneigennützig sezierten die Albatrosse die schläfrig und entkräftet wirkenden Oldenburger. Zur Halbzeit führte Berlin mit 49:33.

Ein Weckruf war das Pausenergebnis für Oldenburg nicht. In der zweiten Halbzeit konnte der neutrale Zuschauer einen weiteren Spannungsabfall bei den Oldenburgern beobachten. Indisponierte Offensivaktionen, Einzelaktionen und schludrige Pässe häuften sich sowie Szenen, in denen Oldenburgs Verteidiger wie paralysiert von der Berliner Brillanz das Rebounden vergaßen. Womöglich machte sich auch der kräftezehrende Zweitagesrhythmus des Turniers bemerkbar. Nach dem dritten Viertel lag Berlin mit 72:45 voll auf Kurs.

Die Oldenburger hatten in der Gruppenphase Bayern München geschlagen und im Viertelfinale Brose Bamberg ausgeschaltet. Ein würdiger Halbfinalgegner schienen sie am Montag trotzdem nicht zu sein. Vor der Partie hätten die meisten Experten zwar auf Berlin gesetzt, aber auf jeden Fall mit einem engen Spiel gerechnet. Denn insbesondere aufgrund ihrer Physis und körperlichen Vorteile galt Oldenburg als unangenehmer Gegner.

Abhängig von Mahalbasic und Boothe

Ian Hummer (201 cm, 102 Kg), Nathan Boothe (206 cm, 111 Kg), Filip Stanic (206 cm, 115 Kg), Marcel Keßen (207 cm, 110 Kg) und Rasid Mahalbasic (210 cm, 120 Kg) sind Menschen, denen man nachts ungern im Wald begegnen würde. Rickey Paulding wirkt mit seinen 196 Zentimertern und 100 Kilogramm beinahe wie ein Küken unter den muskulösen Kaventsmännern. Rickey und die starken Männer – am Montag in München  erlitten sie jedoch Schiffbruch.

Einzig die beiden Big Men Mahalbasic (23 Punkte, 8/13 Field Goals) und Boothe (17 Punkte, 8/10 FG) bewiesen ihre Treffsicherheit, während die kleineren Spieler wie Robin Amaize (5 Punkte, 2/9 FG), Tyler Larson (4 Punkte, 2/7 FG), Braydon Hobbs (3 Punkte, 1/7 FG) und Karsten Tadda (0 Punkte, 0/4 FG) statt des Zielwassers wohl eine andere Flüssigkeit zu sich genommen hatten. Selbst Rickey Paulding tauchte ab und erzielte nur 4 Punkte (2/5 FG). Pauldings Saisonsschnitt liegt bei 14,5 Punkten pro Spiel. Bei den Oldenburgern fielen nur zwei von 22 Dreiern, eine deprimierende Quote. Die Mitteldistanzwürfe von Boothe und die Post-Ups von Mahalbasic waren letztlich viel zu wenig, um der geschlossenen Mannschaftsleistung der Berliner Herr zu werden.

„Ich glaube nicht mehr an Wunder“, sagte Oldenburgs Geschäftsführer Hermann Schüller der Deutschen Presse-Agentur. „Schnellere Hände, schnellere Beine – das war ausschlaggebend. Die Dreier haben uns aus dem Spiel rausgenommen, es war eine Katastrophe.“ Auf der anderen Seite hatte Berlins Manager allen Grund zur Freude. „Wir haben heute wirklich herausragend gespielt“, schwärmte Marco Baldi. Aber abschreiben sollte man angeschlagene große und schwere Männer bekanntlich nie, vielleicht hat im Rückspiel Rickey ja einen Geistesblitz.

 

 

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