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Fußball: Super-League-Rebellen und die Beseitigung des Leistungsprinzips

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Trotz des Widerstands des europäischen Fußballverbands UEFA planen zwölf Profivereine die Gründung einer Super League. Es handelt sich um Spitzenklubs aus England, Spanien und Italien, weitere Teilnehmer sollen folgen. Der europäische Profifußball befindet sich vor einer Zerreißprobe.

Im internationalen Basketball ist das Chaos bereits Alltag, aber das war nicht immer so. Bis 2017 hatte die EuroLeague, eine privatwirtschaftliche Klubvereinigung, gemeinsam mit dem europäischen Ableger des Basketballweltverbands FIBA die beiden internationalen Wettbewerbe (EuroLeague und EuroCup) organisiert. Plötzlich entschied sich die EuroLeague, in Länderspielfenstern nicht mehr zu pausieren, sondern den Spielbetrieb fortzusetzen. Es folgte eine Schlammschlacht zwischen EuroLeague und FIBA, die bis heute anhält. Die FIBA hat inzwischen zwei eigene Wettbewerbe erschaffen: die Champions League und den Europe Cup. Mittlerweile gibt es vier statt zwei internationale Wettbewerbe. Selbst Liebhaber des Korbballspiels haben den Überblick verloren.

Elf von 18 Mannschaften in der EuroLeague zählen zu den sogennanten A-Lizenz-Teams, die ein dauerhaftes Teilnahmerecht am hochklassigsten europäischen Wettbewerb haben – unabhängig von ihrem Abschneiden in den nationalen Ligen. Dazu vergibt die EuroLeague von Jahr zu Jahr Wildcards an Mannschaften aus wirtschaftlich interessanten Standorten. Um ein Beispiel zu geben: Eher erhält Berlin eine Wildcard als Ludwigsburg, eher St. Petersburg als Nowgorod.

Das Leistungsprinzip wird untergraben und gegebenenfalls auch ad absurdum geführt. In Griechenland musste Olympiakos Piräus infolge von nationalen Querelen zwangsabsteigen, nichtsdestotrotz messen sie sich wöchentlich mit den besten Mannschaften des Kontinents. In der zweiten griechischen Liga tritt Piräus mit einer B-Mannschaft an, international laufen weiterhin hochdekorierte Stars aus Griechenland, den USA und Russland für die Hafenstädter auf. Schließt ein Team mit einer A-Lizenz die EuroLeague auf Platz 18 ab, hat es trotzdem einen Freifahrtschein für das nächste Jahr, da keine sportliche Qualifikation vonnöten ist.

Leistungsprinzip adé

Auch der Fußball eifert immer mehr dem Basketball nach, was nicht als Kompliment verstanden werden sollte. Sechs Klubs aus England (FC Liverpool, Manchester United, Manchester City, FC Chelsea, Tottenham Hotspur, FC Arsenal), drei Klubs aus Spanien (Real Madrid, FC Barcelona, Atletico Madrid) und drei Klubs aus Italien (Juventus Turin, Inter Mailand, AC Mailand) haben die Absicht, sich vom niederen und mittleren Fußballadel abzusondern. „Zwölf von Europas führenden Fußballklubs haben sich darauf verständigt, einen neuen Wettbewerb zu etablieren, die Super League“, heißt es in einem von allen Klubs verbreiteten Schreiben.

Getreu dem Vorbild im Basketball soll die Mehrheit der Teams ein dauerhaftes Startrecht in der Super League erhalten. Zu den 12 genannten sollen noch drei gesetzte Mannschaften hinzukommen. Die restlichen fünf Teilnehmer sollen in einer jährlich ausgetragenen Qualifikation ermittelt werden. Ein konkreter Starttermin steht noch nicht fest, aber der Wettbewerb soll „so bald wie möglich“ beginnen. Es gibt sogar schon eine Website. Auch eine Super League der Frauen ist geplant.

Bisher ließen die Super-League-Klubs verlauten, weiterhin in ihren jeweiligen nationalen Ligen spielen zu wollen. Der neue Pokal soll unter der Woche ausgespielt werden. Die Super League ist auch nicht bestrebt, die Champions League zu ersetzen, sondern stellt für diese vor allem eine Konkurrenz dar. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass der europäische Fußballverband UEFA das Vorpreschen der 12 Klubs verurteilt.

Die UEFA nannte die Super League ein „zynisches Projekt“ und erklärte, dass den mitwirkenden Klubs „die Teilnahme an anderen Wettbewerben auf nationaler, europäischer oder weltweiter Ebene“ untersagt werde. Darüber hinaus könnte den Spielern von Super-League-Klubs „die Möglichkeit verweigert werden, ihre Nationalmannschaften zu vertreten“. Auf einer Pressekonferenz am Montag kündigte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin ein scharfes Vorgehen gegen die Super-League-Rebellen an: „Wir sind noch dabei, die Situation zu bewerten mit unseren Anwälten, darum ist es noch ein bisschen zu früh, die Antwort zu geben“, sagte Ceferin: „Aber wir werden alle Sanktionen verhängen, die wir verhängen können. Meiner Meinung nach sollten sie so früh wie möglich von allen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Und die Spieler auch.“

Werden also künftig Sportgerichte darüber entscheiden, ob Klubs oder Spieler von Wettbewerben ausgeschlossen werden können? Am Montag nahmen die Super-League-Klubs in einem Brief auf die Reaktion der UEFA Bezug: „Ihre formelle Erklärung zwingt uns dazu, Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um uns gegen solche nachteiligen Reaktionen abzusichern.“ Eine juristische Fehde würde die Lager noch mehr entzweien und vor allem das Image der Super-League-Klubs weiter beschädigen. Im vorliegenden Konflikt präsentiert sich die UEFA als moralische Instanz, wahrscheinlich ist sie allerdings nur das kleinere Übel des Hochkommerzes. Bereits gegenwärtig haben kleinere Ligen wie die Schweiz und Tschechien keinen festen Startplatz in der Champions League, während selbst die Tabellenvierten aus England, Spanien, Deutschland und Italien sich für die Gruppenphase direkt qualifizieren.

Gigantisches Geschäft

Freilich geht es den aus UEFA-Strukturen ausscherenden Klubs nicht darum, den „Wünschen der vier Milliarden Fußballfans zu entsprechen“, auch wenn Florentino Perez das als Beweggrund anführte. In aller erster Linie locken enorme Summen, finanziert von der US-amerikanischen Investmentbank JP Morgan. Auf die Gründungsmitglieder soll eine einmalige Zahlung von 3,5 Millarden Euro aufgeteilt werden. Danach soll es in jeder Saison eine Startprämie von circa 100 Millionen Euro pro Klub geben, bei erfolgreichem Abschneiden deutlich mehr.

Die Super League ist das nächste Symbol für die fehlende Bodenhaftung des Profifußballs. Sie ist ein Affront an all die kleineren Vereine – auf Profi- wie auf Breitensportebene – die bedingt durch die Pandemie unter fehlenden Zuschauereinnahmen und Sponsorengeldern leiden. Im Wörterbuch der 12 Klubs taucht der Begriff „Solidarität“ vermutlich nicht einmal unter der Rubrik Fremdwort auf. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin schimpfte: „Offenbar ist ihre Gier so stark, dass ihnen alle Werte abgegangen sind.“

Die Distanz zwischen Fans und kommerziellen Profivereinen ist bereits jetzt beträchtlich und wird in Zukunft weiter anwachsen. Kurzfristig haben die Vereinsbosse der 12 Klubs womöglich das Geschäft ihres Lebens gemacht, aber langfristig haben sie sich selbst und dem Profifußball wohl keinen Gefallen getan. Die Spiele zwischen Manchester City und Real Madrid oder Juventus Turin und dem FC Barcelona sind gegenwärtig reizvoll – nicht nur wegen der spielerischen Qualität, sondern vor allem aufgrund ihrer Rarität.

Liverpools Trainer Jürgen Klopp sagte im August 2019 im kicker: „Ich hoffe, diese Super League wird es nie geben.“ Als Verantwortlicher eines der beteiligten Teams steckt der Deutsche nun in einem Dilemma. Im damaligen Interview mahnte er an: „Warum sollten wir ein Setz-System schaffen, bei dem zehn Jahre in Folge Liverpool gegen Real Madrid zu sehen ist? Wer will das jedes Jahr sehen?“

Vor dem Spiel seiner Mannschaft bei Leeds United sagte Klopp gegenüber Sky Sports am Montagabend: „Meine Meinung hat sich nicht geändert.“ Die Leute seien nicht glücklich darüber, was er verstehen könne. „Ich kann nicht viel mehr darüber sagen, weil wir – weder die Spieler noch ich – an irgendwelchen Prozessen beteiligt waren. Wir wussten von nichts“, so der 53-Jährige.

Die Champions League lebt von den aufreibenden k.O.-Duellen im Frühjahr eines jeden Jahres. Vier Stück Pizza sind schmackhaft, zehn Stück auch noch okay, aber bei fünfzehn Stück müssen die meisten brechen. Völlerei führt zu Übersättigung. Diese Gefahr besteht auch im Hinblick auf die Einschaltquoten und das Interesse an der Super League.

Bayer Leverkusens Sport-Geschäftsführer Rudi Völler nannte die Super League ein „Verbrechen am Fußball“ und forderte Konsequenzen für die Beteiligten: „Wer ins dieser Liga mitspielen will, muss aus allen nationalen Ligen aussortiert werden. Mit allen Mannschaften. Die Jugend, die Frauen – alle müssen dann raus“, sagte der 61-Jährige gegenüber der Bild-Zeitung. Der ehemalige Kapitän von Manchester United Gary Neville verwendete in einer Videobotschaft eine noch drastischere Wortwahl: „Zieht ihnen morgen alle Punkte ab! Verbannt sie an das Ende der Liga und nehmt ihnen das Geld weg.“ Die Zeit sei reif für einen unabhängigen Regulator, sagte Neville.

Auch Fangruppen haben das Projekt scharf kritisiert. Das europäische Fußball-Netzwerk Football Supporters Europe (FSE) bezeichnete die Pläne als „von Grund auf illegitim, unverantwortlich und gegen jeglichen Wettbewerb“ sowie „ausschließlich aus Gier vorangetrieben“. Befürworter der Super League stammen bisher nur aus dem Lager der Gründungsväter. Der Guardian schreibt: „Das ist eine Idee, die sich nur jemand ausgedacht haben kann, der Fußball wirklich bis auf die Knochen hasst, dass er ihn beschneiden, ausnehmen, zerlegen will, vom Spiel an der Basis bis zur Weltmeisterschaft.“

Immer mehr Wettbewerbe

Wer den Überblick verloren hat, hier eine Auflistung der Wettbewerbe im Profifußball: Champions League, Europa League, Conference League ab der kommenden Saison, nationale Ligen und nationale Pokalwettbewerbe, nationale Supercup-Spiele zwischen dem Meister und Pokalsieger, internationaler Supercup zwischen dem Champions-League-Sieger und dem Europa-League-Sieger, Klub-WM mit möglicherweise bald 24 Teams. Nicht zu vergessen die Wettbewerbe für die Nationalmannschaften: Weltmeisterschaften und Europameisterschaften, Qualifikationsspiele für WM- und EM-Endrunden und seit 2018 auch die Nations League. Alle Angaben sind ohne Gewähr, vielleicht haben Funktionäre in der Zwischenzeit bereits den nächsten Wettbewerb erfunden.

Noch mehr Wettbewerbe versprechen noch mehr Geld, bringen die Spieler aber belastungsmäßig an ihre Grenzen. Die Konsequenz: Eine Zunahme an Verletzungen oder ein gravierender Anstieg der Kadergrößen, während Zuschauer als Folge der Reizüberflutung eine gewisse Gleichgültigkeit entwickeln.

Die Meldungen über die neue Super League wären eigentlich schon bedeutsam genug, doch auch von der UEFA gab es weitreichende Neuigkeiten. Am Montag wurde eine neue Champions-League-Reform beschlossen. Mit Beginn der Saison 2024/2025 sollen 36 statt bisher 32 Mannschaften an der Gruppenphase teilnehmen. Aber nicht nur die Teilnehmerzahl wird erweitert, sondern auch die Anzahl an Partien. Bis zur Saison 2023/2024 absolviert jeder Klub sechs Vorrundenspiele, danach sollen es zehn sein. Zusätzlich zur Gruppenphase und k.O.-Phase soll es Playoffspiele geben, für diejenigen Teams, die sich nicht direkt fürs Achtelfinale qualifizieren konnten. Eine derzeitige Champions-League-Saison besteht ab der Gruppenphase aus 125 Partien, zukünftig sind es 225.

Die Champions-League-Reform war eigentlich als Zugeständnis an die europäischen Spitzenklubs gedacht, von denen ein Dutzend nun eigene Sache macht. Die Reform ging ihnen offenbar nicht weit genug und die Aussicht auf schnelles Geld lässt aus ihnen Abweichler werden. Speziell dem FC Barcelona und Real Madrid kommt das Vorhaben der Super League entgegen. Zum Stichtag 30. Juni 2020 beliefen sich die Schulden Barcelonas auf fast 1,2 Milliarden Euro, Real Madrid drücken Verbindlichkeiten von 901 Millionen Euro. Die Folgen einer grotesken Gehalts- und Transferpolitik – bereits lange vor der Pandemie.

Was passiert mit Bayern München und Borussia Dortmund?

Dem Nachrichtenportal The Athletic zufolge sollen der FC Bayern München und Paris Saint-Germain, immerhin die Champions-League-Finalisten des Vorjahres, eine Teilnahme an der Super League abgelehnt haben. Auch Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat sich immer wieder gegen eine Teilnahme seines Klubs an der Super League ausgesprochen.

Wie der Spiegel erfahren haben will, soll der Vorstand der neuen Liga allerdings hartnäckig um die erwähnten drei Vereine buhlen und ihnen die Teilnahme an der Super League mit einer Gründungsmitgliedschaft schmackhaft machen. München, Dortmund und Paris werden in dem angeblich 167 Seiten langen Rahmenvertrag dazu angehalten, innerhalb einer Frist Bescheid zu geben, ob sie teilnehmen wollen. Paris soll 14 Tage Zeit für eine Antwort haben, München und Dortmund müssen sich innerhalb von 30 Tagen entscheiden.

Besonders in Deutschland widersetzen sich die meisten Fans den Super-League-Phantasten. Es wird spannend zu beobachten sein, ob die beiden Bundesligisten doch noch einknicken, sich der Eliteliga anschließen und damit ihre heimischen Fans brüskieren. Folgen sie dem Ruf des großartigen Geldes in der Super League oder geben sie sich „nur“ mit dem großen Geld in der Champions League zufrieden? Für letztere müssten sich die beiden Vereine allerdings qualifizieren. Ja, das muss man heutzutage dazusagen.

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