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Fußball-EM: Ära Löw endet unbefriedigend – dennoch positive Zukunftsaussichten?

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Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist bei der Europameisterschaft 2021 im Achtelfinale gegen England ausgeschieden. Zwei Tore für die Gastgeber in der Schlussviertelstunde beendeten die Ära Löw. Warum der deutsche Fußball trotzdem positiv nach vorne blicken kann.

Zwei Niederlagen, ein Unentschieden und ein Sieg. Die EM 2021 beziehungsweise EURO 2020, wie der europäische Fußballverband UEFA den aufgrund der Corona-Pandemie um ein Jahr verschobenen Kontinentalwettbewerb noch immer nennt, wird nicht in die Ruhmeshalle der DFB-Historie eingehen. Nach 15 Jahren und 198 Länderspielen endet auch die Karriere des 61-jährigen Joachim Löw als Bundestrainer. Einzig beim 4:2-Sieg gegen Portugal konnte Deutschland restlos überzeugen. Gegen Frankreich (0:1) kam die DFB-Elf zwar auf viel Ballbesitz, im Spiel nach vorne allerdings entwickelte sie kaum Durchschlagskraft.

Im dritten Gruppenspiel gegen Ungarn (2:2) offenbarten sich sowohl defensive Mängel als auch offensive Schwerfälligkeit. Mithilfe der eigenen Fünferkette, Zweikampfstärke und einer außerordentlichen Willensleistung hielt Ungarn die Angriffsbemühungen des großen Favoriten im Zaum.

DatumSpielErgebnisTorschützen
15. JuniDeutschland – Frankreich0 : 10:1 Mats Hummels (20., Eigentor)
19. JuniDeutschland – Portugal4 : 20:1 Cristiano Ronaldo (15.), 1:1 Rúben Dias (35., Eigentor), 2:1 Raphaël Guerreiro (39., Eigentor), 3:1 Kai Havertz (51.), 4:1 Robin Gosens (60.),
4:2 Diogo Jota (67.)
23. JuniDeutschland – Ungarn2 : 20:1 Ádám Szalai (11.), 1:1 Kai Havertz (66.), 1:2 András Schäfer (68.), 2:2 Leon Goretzka (84.)
29. JuniDeutschland – England0 : 20:1 Raheem Sterling (75.), 0:2 Harry Kane (86.)

Beim frühen Gegentor durch Ádám Szalai stimmten sich Matthias Ginter und Mats Hummels im Strafraum nicht ab, wer den Bundesliga-Akteur des 1. FSV Mainz 05 in Manndeckung nehmen solle. 15 Sekunden nach dem deutschen Ausgleich gelang den Ungarn die erneute Führung. Deutsche Konzentrations- und Abstimmungsprobleme führten ein enges Spiel herbei. Den Einwechslungen von Jamal Musiala und Leon Goretzka war es zu verdanken, dass Deutschland in der 84. Minute einen Punkt rettete und als Zweiter in die nächste Runde einzog. Wäre es beim 1:2 geblieben, hätte Deutschland wie schon bereits bei der WM 2018 das Aus in der Gruppenphase verkraften müssen.

Zunächst guter Auftritt

Im Achtelfinale gegen England übernahm Deutschland zunächst die Spielkontrolle. In den ersten 10 bis 12 Minuten machte das Team von Trainer Joachim Löw einen couragierten Eindruck. Das Startelfdebüt von Leon Goretzka bei dieser EM war ein belebender Faktor, Toni Kroos überraschte mit einigen Ballgewinnen. In der 8. Minute setzte Goretzka mit dem Ball einen Sprint in Richtung Strafraum an und wurde erst durch das Foul von Declan Rice kurz vor dem Sechzehner gestoppt.

Deutschland presste anfangs forsch, mit jeder weiteren Minute zog sich die Mannschaft jedoch tiefer in die eigene Hälfte zurück. Kai Havertz ließ sich bei gegnerischem Ballbesitz teilweise ins defensive Mittelfeld fallen. Löw setzte auf Sicherheit. Beide Teams neutralisierten sich nun, was auch daran lag, dass Englands Trainer Gareth Southgate die deutsche 3-4-3-Grundordnung übernahm.

Die Außenbahnspieler Luke Shaw und Joshua Kimmich auf der rechten Seite folgten sich auf Schritt und Tritt genau wie Kieran Trippier und Robin Gosens auf der linken. Um bei Kontern potentielle Anspielstationen zu sein, waren Kimmich und Gosens oft noch zu weit hinten. Nach Ballgewinnen war der Weg zum englischen Tor für die zunehmend passiv agierenden Deutschen häufig zu weit.

Deutschland und England vermeiden das Risiko

Spätestens in der Halbzeit hätte Löw auf eine Viererkette umstellen können. Ein zusätzlicher Offensivspieler hätte sowohl im Spiel nach vorne als auch im Pressing Impulse geben können. Aber Löw verzichtete darauf, weshalb sich das zähe Spiel fortsetzte.

Nach der Halbzeit hatte Deutschland enorme Schwierigkeiten damit, in die gegnerische Hälfte vorzustoßen. Die englischen Angreifer Raheem Sterling, Harry Kane und Bukayo Saka standen sehr hoch und erstickten den deutschen Spielaufbau im Keim. Deutschland kam letztlich auf 55% Ballbesitz, aber nur ein Bruchteil davon entfiel auf das letzte Drittel oder den gegnerischen Strafraum. Es war das erwartete Spiel auf Augenhöhe – allerdings offensiv auf überschaubarem Niveau.

Kaum einmal starteten Deutschlands Offensivspieler einen Lauf in die Tiefe, noch seltener wagten es die Deutschen ins Dribbling. Die Elf legte Zurückhaltung und Risikovermeidung an den Tag, aber auch die Engländer suchten ihr Glück nicht gerade in der Offensive. Im gesamten Spiel gab England gerade einmal fünf Schüsse ab. Womöglich hatten beide Kollektive Sorge davor, Fehler zu machen, die vor der überwältigenden Atmosphäre im Londoner Wembley-Stadion die Partie hätten entscheiden können.

Über das gesamte Turnier wurde immer wieder deutlich, dass Deutschland kaum Eins-gegen-Eins-Duelle suchte. Die Außenbahnspieler Kimmich und Gosens haben andere Qualitäten. Serge Gnabry und Leroy Sané saßen gegen England lange auf der Bank. Aber auch wenn sie bei dieser EM zum Einsatz kamen, zeigten sie sich nicht so spielfreudig wie im Verein.

Jamal Musiala machte in seinem Kurzeinsatz gegen Ungarn noch die beste Figur. Der erst 18-Jährige schaffte es, Überzahlsituationen zu kreieren mit seinen Dribblings auf engem Raum. Dank seiner Unbekümmertheit und seines Talents war er ein Lichtblick bei dieser EM. Gegen England brachte Löw ihn allerdings erst in der 92. Minute – als England 2:0 führte und die englischen Fans bereits das Weiterkommen feierten.

Es hätte durchaus Lösungen gegeben, um Englands Pressing zu überspielen, allerdings mangelte es Deutschland an der nötigen Passschärfe und an schnellen Passstafetten. Der Gegner wurde nicht wirklich unter Druck gesetzt und konnte sich leicht sortieren. Viel zu häufig lag der Ball unbewegt vor dem jeweils Ballbesitzführenden, Tempo und Dynamik blieben daher auf der Strecke. Es half auch nicht, dass Innenverteidiger Antonio Rüdiger und Angreifer Thomas Müller nicht ihre besten Leistungen zeigten. Beide ließen die Präzision im Passspiel vermissen und waren in entscheidenden Aktionen nicht zur Stelle.

Späte Entscheidung

Vor dem Führungstreffer rückte Rüdiger aus der Dreierkette raus, um den Ballführenden Sterling zu stören. Als der Ball über Kane auf die linke Seite zu Shaw gelangte, verlor Rüdiger jedoch Sterling aus den Augen und übergab den Gegenspieler auch nicht dem anderen Innenverteidiger Matthias Ginter. Im Zentrum sah sich Mats Hummels so mit Kane und Sterling konfrontiert. Die Konfusion und den Freiraum nutzte Sterling zu seinem dritten Turniertor, indem er den Flachpass von Shaw nur noch über die Linie drücken musste.

Müller dagegen hätte in der 81. Minute das 1:1 besorgen können. Nach einem verhängnisvollen Fehlpass von Sterling schickte Havertz den in die Tiefe startenden Müller. Der 32-Jährige lief frei auf Englands Torhüter Jordan Pickford zu und legte den Ball aus rund 17 oder 18 Metern links am Tor vorbei. Die auf Stabilität ausgerichtete Spielweise brachte es mit sich, dass Deutschland nur wenige Chancen herausspielte. Jede einzelne Torszene wurde wichtiger, die Tormöglichkeiten mussten so aber auch unter größerem Druck verwertet werden.

Statt des Ausgleichtores und der möglichen Verlängerung erhöhten die „Three Lions“ kurz darauf auf 2:0. Der eingewechselte Gnabry verlor den Ball infolge eines Hummels-Passes. Shaw gewann den Ball und spielte auf den links postierten Jack Grealish. Dieser flankte halbhoch auf Kane ins Zentrum. Mit dem Kopf erzielte der Stürmer der Tottenham Hotspurs sein erstes Tor bei dieser EM. Wieder herrschte keine Zordnung in der deutschen Verteidigung. Hummels rückte auf Shaw raus, Ginter versuchte die Flanke von Grealish aus ziemlich kurzer Distanz zu entschärfen, während Rüdiger und Gosens zu weit weg vom Geschehen waren und nicht mehr eingreifen konnten.

Deutschlands Schwachstellen während der EM

Ob Toni Kroos, Thomas Müller und Mats Hummels jetzt einen Schlussstrich unter das Thema Nationalmannschaft ziehen werden, ist noch offen. Vor der Zukunft muss das DFB-Team dennoch nicht in Verdruss verfallen, auch wenn die letzten Jahre unter Löw als Misserfolg bewertet werden müssen. Als Bundestrainer hat der gebürtige Schwarzwälder bei großen Turnieren immerhin fünfmal mindestens das Halbfinale erreicht. Als Assistent von Jürgen Klinsmann erreichte er bei der Heim-WM 2006 Platz drei. Über allem steht noch immer der WM-Titel 2014 in Brasilien. Die Resultate bei der WM 2018 und EM 2021 sind natürlich trotzdem enttäuschend.

Sieben Gegentore in vier EM-Spielen waren letztlich zu viel. Auch wenn Deutschland nicht viele Torchancen zuließ, wirkte die Verteidigung in maßgeblichen Momenten unkoordiniert. Die Dreierkette, in jedem Spiel eingesetzt, war keine Stütze, die den Spielern Sicherheit gab. Der zusätzliche dritte Innenverteidiger ging auf Kosten der Offensive.

Bei gegnerischen Angriffen rückte häufig entweder Hummels oder Rüdiger aus der Dreierkette raus. Da der jeweilige Innenverteidiger neben sich noch zwei Innenverteidiger wähnte und mit Gosens und Kimmich zwei weitere Akteure bereitstanden, die in letzter Linie bei Gefahr in Verzug hätten eingreifen können, bot die Grundordnung eher eine trügerische Sicherheit. Die Abstimmungsprobleme in der Defensive waren in allen Spielen zu beobachten.

Gegenüber einigen Landesauswahlen hatte die deutsche Defensive auch Schnelligkeitsnachteile. Kommunikation und Antizipation waren umso mehr gefordert – aber nicht immer vorhanden. Hummels konnte mit seinen Grätschen gegen Frankreichs Kylian Mbappe oder Harry Kane immerhin zwei weitere Gegentore verhindern. Im Spielaufbau konzentrierten sich Deutschlands Gegner auf den zentralen und technisch versierten Hummels, während sich Rüdiger als Spieleröffner limitiert präsentierte. Darüber hinaus waren Ilkay Gündogan, Stammkraft in der Gruppenphase, und Toni Kroos als Spielertypen im defensiven Mittelfeld sich vielleicht zu ähnlich.

Aber auch offensiv herrscht dringend Verbesserungsbedarf: Bei der EM konnte Deutschland mit Angriffen durch das Zentrum keine Torgefahr entwickeln und mit Ausnahme des Portugal-Spiels auch kaum über die Flügel. Ohne klassischen Stoßstürmer waren die Flanken sowieso eher harmlos. Der Rolle des Abnehmers für Flanken wäre Kevin Volland noch am nähesten gekommen, aber dieser kam nur auf zwei Kurzeinsätze.

Auch Löw muss sich Kritik gefallen lassen: Gegen Frankreich etwa beim Stand von 0:1 brachte er erst Timo Werner, der seine Klasse vor allem bei Kontern ausspielen kann – aber gegen tiefstehende Mannschaften wie Frankreich Probleme hat. Volland kam erst in der 88. Minute und musste sogar als Linksverteidiger aushelfen. Eine sehr fragwürdige Entscheidung. In der abgelaufenen Saison erzielte Volland als Sturmspitze für die AS Monaco 18 Tore in 40 Pflichtspielen.

Auch Jamal Musiala hätte vielen Spielen seinen Stempel aufdrücken können, stand aber insgesamt keine Viertelstunde auf dem Platz. Während der Spiele unter Löw in den letzten Jahren blieben taktische Änderungen oder mutige Wechsel oft aus.

Umschwung unter Flick?

Das Fundament für erfolgreicheren und ansehnlicheren Fußball ist aber zweifelsohne vorhanden: Kai Havertz (22 Jahre) war mit zwei EM-Toren, tollen Pässen in die Spitze und einem exzellenten Gespür für Räume ein Hoffnungsschimmer. Musiala (18) hat jetzt schon angedeutet, dass er auf höchstem Niveau den Unterschied ausmachen kann.

Florian Wirtz (18), Lukas Nmecha (22) und Ridle Baku (23) sind allesamt vor kurzem U21-Europameister geworden und könnten der Nationalmannschaft eine neue Stoßrichtung geben. Langfristig sind eventuell auch die beiden U21-Titelgewinner Niklas Dorsch (23) und David Raum (23) Optionen für die A-Mannschaft. Löws Nachfolger Hansi Flick wird ein hochwertiger Kader zur Verfügung stehen.

Joshua Kimmich (26) und Leon Goretzka (26) werden die Anführer der kommenden Nationalmannschaft sein. Leroy Sané (25) und Serge Gnabry (25) haben beim FC Bayern unter Flick mitunter brilliert, wirkten allerdings in der Endphase der abgelaufenen Saison und ebenso bei der EM überspielt.

Unter Löw betrieb Deutschland ein hohes Pressing nur rudimentär und sporadisch. Das könnte sich mit Flick an der Seitenlinie ändern. Der Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern 2020 dürfte offensiver spielen und offensiver verteidigen lassen, nimmt man die Erkenntnisse aus etwas mehr als eineinhalb Jahren beim deutschen Rekordmeister als Maßstab. Beim FC Bayern setzte Flick fast ausschließlich auf eine 4-2-3-1-Grundordnung – mit einem offensiven Mann mehr im Gegensatz zu Löws Grundordnung. Aufgrund des intensiven, aber auch riskanten Anlaufens bei gegnerischem Ballbesitz wäre im DFB-Team ein zweikampfstarker Abräumer im defensiven Mittelfeld dienlich.

Das nächste Spiel steht am 2. September in der WM-Qualifikation gegen Liechtenstein an. Hinter Armenien und Nordmazedonien belegt Deutschland momentan nur den 3. Gruppenplatz. Auch gegen weniger prominente Fußballnationen gilt es jetzt, hellwach zu sein. Weitere Ausrutscher wie im März beim 1:2 gegen Nordmazedonien sollten vermieden werden, um die bereits in 17 Monaten ausgetragene WM in Katar nicht zu verpassen.

Der ehemalige Assistenztrainer von Löw (von 2006 bis zum WM-Titel 2014) und frühere DFB-Sportdirektor wird keine lange Anlaufzeit benötigen. Flick kennt die Vorgänge beim DFB und viele der Nationalspieler durch seine FCB-Zeit. Für ihn geht es darum, das vorhandene Potential der Mannschaft herauszukitzeln.

Mangelnde Erfahrung oder fehlende Qualität waren keine Gründe für die Misserfolge der letzten Jahre. Deutschland hätte eine komplette Elf stellen können nur aus Profis, die mindestens einmal die Champions League gewonnen haben: Antonio Rüdiger, Timo Werner, Kai Havertz, Serge Gnabry, Joshua Kimmich, Manuel Neuer, Thomas Müller, Leon Goretzka, Toni Kroos und Emre Can. Im englischen Kader haben nur vier den Henkelpott geholt: Mason Mount, Reece James, Ben Chilwell und Jordan Henderson.

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