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Fußball: Der Aufschwung des AC Mailand – Viel Licht und ein bisschen Schatten

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Der AC Mailand zieht Fußballfans aus der ganzen Welt seit etlichen Jahrzehnten in seinen Bann. Umso gefrusteter waren jene Anhänger in den 2010er Jahren, als die Rossoneri die internationalen Wettbewerbe überwiegend vor dem Fernseher verfolgen mussten und selbst die italienische Meisterschaft in weite Ferne gerückt war. Das Jahr 2020 markiert eine Wende. Ein junger Kader und eine handvoll erfahrener Platzhirsche haben dem AC Mailand wieder Leben eingehaucht. Nach der Hinrunde der laufenden Saison liegt das Team von Trainer Stefano Pioli auf Rang eins der Serie A.

Der 22. Dezember 2019 liegt gerade einmal 13 Monate zurück. Damals trat der AC Mailand, der prominente und verehrte Traditionsklub aus der lombardischen Millionenmetropole, auswärts beim Provinzklub Atalanta Bergamo an. Die Gastgeber zauberten, spielten überfallartig nach vorne und waren in allen Belangen überlegen, während bei Mailand eine komplett überforderte Mannschaft auf dem Platz stand.

Während Bergamo elf Schüsse aufs Tor zu verzeichnen hatte, stand für Mailand nach 90 Minuten nur ein mickriger Abschluss zu Buche. Ehrfurcht vor großen Namen erkannte man bei Bergamo nicht. Der 5:0-Kantersieg fiel keineswegs zu hoch aus und beschrieb die damaligen Kräfteverhältnisse recht exakt. Die Modestädter hingegen hatten sich ihr Weihnachtsgeschenk sicherlich anders vorgestellt.

Bergamo ist Milans Kryptonit

Am 23. Januar 2021 wiederholte sich Geschichte, zumindest annähernd. Der AC Mailand empfing im Giuseppe-Meazza-Stadion den ebenfalls aus der Lombardei stammenden Ligakonkurrenten aus Bergamo. Erneut triumphierte das Team von Trainer Gian Piero Gasperini, diesmal mit 3:0.

Bergamo störte den Mailänder Spielaufbau sehr geschickt und ließ Mailand gar nicht erst in die gefährlichen Zonen kommen. Die Elf von Stefano Pioli vertändelte das Spielgerät im eigenen Ballbesitz viel zu schnell und schaffte es nicht, der Physis der Bergamasken etwas entgegenzusetzen. Nach Ballgewinn spielte Bergamo unverzüglich und präzise nach vorne, während Milans Verteidigung so ein ums andere Mal überrumpelt wurde. Bergamo dominierte sowohl am defensiven als auch am offensiven Ende des Feldes und fügte Milan die zweite Saisonniederlage zu. Wozu also ein Bericht über den AC Mailand?

Milans Renaissance

Während Milan nach dem 0:5 in Bergamo kurz vor Weihnachten 2019 im tristen Tabellenmittelfeld auf Platz elf zu finden war und die vergangene Saison durch einen hervorragenden Schlussspurt immerhin auf Platz sechs abschloss, liegt das Team aktuell selbst nach der 0:3-Heimpleite mit 43 Punkten auf Platz eins der italienischen Liga. Von 38 Spieltagen ist die Hälfte bereits ausgespielt. Ein weiterer Beleg für die Mailänder Renaissance, zeigt ein Vergleich der Jahrestabellen 2019 und 2020. Während Milan 2019 in 36 Spielen nur 58 Punkte zustandebrachte, erreichte man im Folgejahr 79 Punkte sogar in nur 35 Spielen.

Nachdem Juventus Turin seit 2012 ununterbrochen die Serie A dominierte und neun Meistertitel in Folge gewann, herrscht in dieser Saison ein deutlich größerer Konkurrenzkampf. Als erster Verfolger Milans hat Inter Mailand nur zwei Punkte Rückstand (41 Punkte) auf seinen Stadtrivalen, der AS Rom folgt mit 37 Punkten und Juventus Turin hat mit 36 Zählern bei einem Spiel weniger noch alle Chancen auf die Meisterschaft. Auch Bergamo (36 Punkte) und der SSC Neapel (34 Punkte, 18 Spiele) sind noch nicht abgeschlagen.

Umbau des Kaders

Im Oktober 2019 wurde Mailands damaliger Trainer Marco Giampaolo bereits nach sieben Saisonspielen durch Stefano Pioli ersetzt. Mailand wurde in der Tabelle bis auf Rang 13 durchgereicht, aber auch unter Pioli konnte sich die Mannschaft nur bedingt stabilisieren und wurde immer wieder von mitunter heftigen Rückschlägen zurückgeworfen, wie etwa der 0:5-Niederlage in Bergamo. In jenem Herbst und Winter standen Stürmer Krzysztof Piatek (mittlerweile bei Hertha BSC), Edeltechniker Suso und die beiden Mittelfeldspieler Giacomo Bonaventura und Lucas Paqueta noch regelmäßig in der Startelf. Inzwischen tragen alle vier nicht mehr das schwarz-rote Dress des AC Mailands.

Über die vergangenen Jahre hat sich die Struktur des Teams fundamental verändert. In der Saison 2014/2015 stellte man noch das älteste Team der Serie A mit einem Durchschnittsalter von 27,9 Jahren. Routiniers wie Nigel de Jong, Philippe Mexes oder Sulley Muntari liefen für Milan auf, der 10. Platz am Saisonende war der Tiefpunkt eines schleichenden Verfalls. In der Saison 2016/2017 war der Kader im Mittel 25,3 Jahre alt und in der laufenden Spielzeit beträgt der Wert 25,1 Jahre.

Am 4. Oktober 2020 gegen Spezia Calcio stand sogar eine Mailänder Mannschaft mit Durchschnittsalter von 22,8 Jahren auf dem Platz – mit Abstand die jüngste Elf der gesamten Liga in der laufenden Saison. Zum Vergleich: Lazio Rom spielte am 12. Dezember 2020 gegen Hellas Verona mit einem im Schnitt 31,6 Jahre alten Team.

Selbstverständlich ist ein junger Kader kein Indikator oder erst recht keine Notwendigkeit für Erfolg; im Endeffekt entscheidet die Qualität der Spieler darüber, welche Saisonziele umsetzbar sind. Von außen macht es trotzdem den Eindruck, wonach bei Mailand ein junges, entwicklungsfähiges und ambitioniertes Team auf dem Feld steht. Eine gute Gelegenheit mal einen Blick auf die wichtigsten Spieler zu werfen.

Talent und Qualität

Torhüter Gianluigi Donnarumma ist erst 21 Jahre alt, debütierte für die erste Mannschaft allerdings schon mit 16 Jahren und hat bereits 228 Pflichtspiele für Mailand und 22 Länderspiele für Italien bestritten. Auch wenn es sich angesichts seines Alters paradox anhört: Viele Teams lecken sich die Finger nach so einem erfahrenen Schlussmann, der auf seiner Position dazu noch zu den besten Spielern der Welt zählt.

Als Rechtsverteidiger hat Davide Calabria in dieser Saison den nächsten Schritt in seiner Entwicklung gemacht, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass Calabria das Vertrauen des Trainers spürt. In jedem Ligaspiel der gegenwärtigen Saison stand er in der Startelf. Der 24-Jährige ist ein guter Tackler und hat sich auch offensiv verbessert. Vereinzelt leistet er sich noch den ein oder anderen Fehlpass oder Konzentrationsfehler. Wenn er diese abstellt, kann er ein Außenverteidiger internationaler Klasse werden. Diesen Status hat sein Gegenüber Theo Hernandez (23) bereits inne. Der Bruder von Bayern Münchens Lucas Hernandez ist einer der besten Linksverteidiger der Welt. Seine Qualitäten als sprint- und dribbelstarker Außenverteidiger machen ihn besonders wertvoll für die Offensivbemühungen Milans. Im laufenden Ligaspielbetrieb gelangen ihm vier Tore und drei Vorlagen.

Im Sommer 2019 wechselte Hernandez von Real Madrid nach Mailand. Im Nachhinein werden die Königlichen diesen Transfer bestimmt bereuen. 21,5 Millionen Euro musste Milan als Ablöse damals in die spanische Hauptstadt überweisen, der Marktwert von Theo Hernandez beträgt laut transfermarkt.de mittlerweile 50 Millionen Euro. Gegenüber dem spanischen Radiosender Onda Cero sagte er im vergangenen Dezember: „Ich kann mir nicht vorstellen, nach Madrid zurückzugehen, wenn ich könnte, würde ich für immer bei Milan bleiben. Seit ich hier bin, spiele ich ziemlich gut. Ich denke, ich befinde mich in der besten Form meiner Karriere.“

Die beiden Innenverteidiger Alessio Romagnoli (26) und Simon Kjaer (31) bilden ein verlässliches Duo. Beide sind groß, kopfballstark und können auch den Spielaufbau übernehmen. Den Konkurrenzkampf im Zentrum verschärfen könnte Fikayo Tomori (23), der erst vor ein paar Tagen vom FC Chelsea kam.

Eckpfeiler im Mittelfeld

Da der passstarke Ismael Bennacer (23) verletzt fehlt, bilden Sandro Tonali (20) und Franck Kessie (24) aktuell die Doppelsechs. Kessie hilft dem Team mit seiner Physis und Zweikampfstärke. Außerdem ist er exzellent darin, Räume zuzulaufen und Pässe abzufangen. Auch als Elfmeterschütze macht er eine gute Figur. Tonalis Spielstil wird bereits mit der von Italiens Legende Andrea Pirlo verglichen. Auch wenn das Talent noch viel Luft nach oben hat, haben die Mailänder mit Tonali seit dem letzten Sommer eines der interessantesten Talente Italiens in ihren Reihen. Derzeit ist Tonali, der bereits 50 Mal in der Serie A auflief, vom SC Brescia ausgeliehen. Es deutet aber alles darauf hin, dass Milan die im Vertrag integrierte Kaufoption in Höhe von 15-25 Millionen Euro ziehen wird.

Der jahrelang ein wenig belächelte Hakan Calhanoglu (26) hat sich zu einem der besten Spieler der Serie A entwickelt. Der gebürtige Mannheimer spielt in der Regel auf der Achter- oder Zehnerposition, ist in jedem Fall aber Milans Schaltzentrale und Kreativspieler im Spiel nach vorne. In der laufenden Serie-A-Saison bereitete er bereits sechs Tore vor. Laut legaseriea.it haben in der gesamten Liga nur drei Spieler mehr Key Passes als Calhanoglu (14). Darüber hinaus müssen gegnerische Teams immer auf seine gefährlichen Distanzschüsse vorbereitet sein. Auch der quirlige Brahim Diaz (21), der von Real Madrid ausgeliehen ist, kann auf der Zehn spielen. Kurios: Von den insgesamt schon 14 Pfosten- oder Lattentreffern Milans gehen acht auf das gemeinsame Konto von Calhanoglu (5) und Diaz (3).

Große Auswahl auf dem Flügel

Auf den offensiven Außenbahnen hat Milan mehrere Optionen: Alexis Saelemaekers (21), dessen größte Stärken intelligente Laufwege und ein hohes Laufpensum sind. Jens-Petter Hauge (21), der mit Dribblings auf engem Raum verzückt, aber manchmal etwas zielstrebiger sein könnte; und Samu Castillejo (26), der als Linksfuß auf der rechten Seite spielt, dessen Bewegungsmuster allerdings ziemlich ausrechenbar sind. Zu selten bricht er zur Grundlinie zum Flanken durch, weitaus häufiger zieht er mit seinem starken linken Fuß in die Mitte. Seine Gegenspieler wissen das auch und können sich entsprechend auf ihn einstellen.

Als weitere Optionen für die beiden Flügelpositionen kommen der ehemalige Frankfurter Ante Rebic (27), Rafael Leao (21) und Mario Mandzukic (34) infrage, wobei alle drei auch im Sturmzentrum eingesetzt werden können. Spielt Mailand mit einer alleinigen Sturmspitze, was in Piolis präferierter 4-2-3-1-Grundordnung meist der Fall ist, gibt es gleichwohl nur eine realistische Option: Zlatan Ibrahimovic (39). Der Ausnahmekönner hat in neun Serie-A-Einsätzen 12 Tore erzielt; alle 60 Minuten erklingt die Tormusik durchschnittlich für Ibrahimovic.

Gründe für den Aufwärtstrend

Woran liegt es also, dass der AC Mailand sich seit Dezember 2019 so stark verbessert hat? An den neuen Spielern wie Kjaer, Saelemaekers, Hauge, Brahim Diaz oder Tonali, die sich im Laufe des Jahres 2020 Milan anschlossen? An Coach Pioli, der bei Spielen an der Seitenlinie wild gestikulierend und akustisch unüberhörbar auf seine Schützlinge einwirkt? Gewiss benötigte Pioli erst einmal ein paar Monate Anlaufzeit, nachdem er mitten in der laufenden Saison eingestellt wurde, um den Sportlern seinen Spielstil und seine Ideen näherzubringen. Jedenfalls scheinen die Spieler Piolis Art zu mögen. Nach dem 2:1-Sieg bei US Sassuolo am 20. Dezember 2020 sangen sie im Bus „Pioli is on fire“.

Obwohl Milan nach der Lockdown-Pause im Frühjahr unter Pioli das formstärkste Team Italiens stellte, zögerten die Verantwortlichen lange in der Trainerfrage und statteten Pioli erst im späten Juli mit einer Vertragsverlängerung um zwei weitere Jahre aus. Der Plan, Ralf Rangnick das Traineramt sowie den Posten des Sportdirektors anzuvertrauen, wurde hingegen im letzten Augenblick verworfen. Paolo Maldini und Zlatan Ibrahimovic hatten offen ihre Kritik an diesem Vorhaben kundgetan und waren nicht gewillt, Pioli zu ersetzen. Insbesondere mit Blick auf dessen ertragreiche Punkteausbeute und Kompetenz als smarter Kommunikator, schien die Argumentation auch nachvollziehbar.

„Wer ist Rangnick? Ich weiß nicht, wer Rangnick sein soll“, raunte Imbrahimovic im Interview mit der Zeitung Gazzetta dello Sport. Maldini schlug im Gespräch mit Sky Italia in eine ähnliche Kerbe: „Bei allem gebührenden Respekt. Ich glaube nicht, dass er das richtige Profil hat.“ Rangnick hätte wohl den Job des einstigen Weltklasse-Verteidigers übernommen oder ihn in eine weniger prominente Rolle verdrängt, was Maldini sicherlich nicht recht war und auch den Fans nur schwer zu vermitteln gewesen wäre.

Der bei den Spielern geschätzte Pioli und die jungen, lernwilligen Spieler erklären vermutlich den Aufschwung zu einem gewisen Grad, aber nicht in diesem Ausmaß. Es mag langweilig und bekannt klingen, auch wenn der folgende Spieler alles andere als langweilig ist – aber der Aufschwung ist zu einem großen Anteil Zlatan Ibrahimovic zuzuschreiben. Anfang Januar 2020 begann der Schwede sein zweites Engagement bei Milan, wenige Tage nach dem Reinfall in Bergamo.

Pioli würdigt Ibrahimovic

Zum Jahreswechsel gab Pioli Sky Italia ein Interview, worin er Ibrahimovic in den höchsten Tönen lobte. „Beim ersten Treffen mit Ibrahimovic wusste ich, dass ich vor einem Champion stand hinsichtlich seiner Mentalität, Professionalität und Technik.“ Pioli beschrieb Ibrahimovic als eine sehr intelligente und nette Person, der immer gut für den richtigen Scherz sei und immer wisse, wie er seine Mitspieler motivieren könne. „Auf dem Feld treibt er sie vehement an, aber abseits des Feldes weiß er, wie man mit den richtigen Tönen zu ihnen spricht. Und dann mag ich seine Ehrlichkeit, seine Art, direkt zu sein“, sagte der 55-Jährige.

Ibrahimovic ist der akzeptierte Anführer, der seinen jungen Kollegen Empfehlungen geben kann und manchmal auch konkrete Handlungsanweisungen an sie richtet. Er fordert von ihnen unablässigen Einsatz, sein Wort hat Gewicht in der Kabine. Während seiner über 20-jährigen Profikarriere hat er einen reichhaltigen Erfahrungsschatz aufgebaut, von dem Spieler wie Saelemaekers, Leao oder Hauge ungemein profitieren können. Auch die beiden Ü30-Profis Kjaer und der jüngst akquirierte Mario Mandzukic sind wichtige Führungspersönlichkeiten.

Mit dem 19-jährigen Daniel Maldini steht bereits das nächste Talent in den Startlöchern. Der offensive Mittelfeldspieler ist übrigens Sohn des derzeitigen technischen Direktors und Milan-Spielerlegende Paolo. Mit seinem sechsten Ligaeinsatz für den AC Mailand beim Spiel gegen Juventus Turin Anfang Januar hat Daniel seiner Familie zu einem historischen Meilenstein verholfen. Daniel, Vater Paolo und Großvater Cesare haben gemeinsam nun 1000 Spiele in der Serie A absolviert.

Taktische Änderungen: Chancen und Risiken

Mit der Ankunft Zlatans vor etwas mehr als einem Jahr änderte Pioli die Grundordnung von 4-3-3 zunächst auf ein 4-4-2 mit Doppelsechs. Seit Februar 2020 tritt man in einem 4-2-3-1 an. Vor ein paar Jahren noch verteidigte Milan eher abwartend, in eigenen Ballbesitzphasen mangelte es dem Team häufig an Geschwindigkeit und Überraschungsmomenten.

Inzwischen sieht das schon deutlich besser aus: Mailand verteidigt proaktiver und presst relativ hoch in der gegnerischen Hälfte, was oft dazu führt, dass man den Ball direkt zurückerobern kann oder den langen Ball des Gegners erzwingt. Abgesehen von Ibrahimovic, der aus Altersgründen nicht mehr 90 Minuten Verteidiger unter Druck setzen kann und sich hauptsächlich auf das Zustellen von Passwegen beschränkt, ist jeder Spieler in die Verteidigungsarbeit eingebunden. Anders als zum Beispiel Bergamos Trainer Gasperini, der mannorientiert verteidigen lässt, präferiert Pioli ein Zonenpressing.

Das hohe Pressing ist freilich nicht ganz risikofrei, da es den Gegnern Räume bietet, sobald die erste Pressinglinie überspielt ist. Sofern die Restverteidigung Milans nicht kollektiv nachschiebt, können große Lücken entstehen. Bei der 1:3-Niederlage gegen Juventus Turin am 6. Januar 2021, es war die erste Serie-A-Niederlage seit März 2020, wurde Milan beim Tor von Weston McKennie so mustergültig ausgekontert.

Milans Angriffsbemühungen in den Jahren vor 2020 muteten oft sehr träge und statisch an. Es fehlten schnelle Spieler, die Läufe in die Tiefe machen und eine Verteidigung aufbrechen konnten. Speziell Leao, aber auch Hauge und Rebic, können dieses Element nun zur Verfügung stellen. Mit Ibrahimovic haben die Flügelspieler den perfekten Äquivalent neben sich. Der Schwede gewinnt Luftduelle, kann sowohl hohe als auch flache Zuspiele verwerten und ist zweikampfstark. Zusätzlich besitzt er die Übersicht, Pässe auf die Außenbahn abzulegen. Außerdem können sich die Flügelspieler über die präzisen Diagonalbälle von Innenverteidiger Simon Kjaer freuen, wie beim 2:0-Sieg bei Cagliari Calcio am 18. Januar 2021 zu sehen war.

Ein weiteres taktisches Mittel Milans ist das bewusste Überladen einer Seite im Ballbesitz. Ibrahimovic und Calhanoglu verlassen das Zentrum und positionieren sich auf einem der beiden Flügel, um das Aufbauspiel zu erleichtern. Gleichzeitig ziehen die beiden damit auch ihre Gegenspieler mit auf den Flügel. Oft überlädt Milan die rechte Seite mit Calabria und Saelemakers beziehungsweise Castillejo. Eine Seitenverlagerung auf die linke Seite überrumpelt den Gegner und bringt den offensivfreudigen Außenverteidiger Theo Hernandez ins Spiel, der dann meist etwas Platz vorfindet und entweder diagonal in die Mitte dribbelt oder die Linie hinunterläuft und Möglichkeit zum Flanken hat.

Milans Spieler müssen fähig sein, Diagonalbälle zu spielen und schnell umzuschalten. Insbesondere das Konterspiel über Leao ist in dieser Saison ein Trumpf des Teams. Der Portugiese hat neben fünf Ligatoren bereits vier Vorlagen verbucht, alle gegen Top-Teams der Serie A: zwei beim 3:3 gegen den AS Rom, eine beim 2:1 gegen Inter Mailand und eine beim 1:3 gegen Juventus Turin. In der Defensivarbeit muss sich Leao noch steigern, da ist der Belgier Saelemaekers deutlich weiter. Dank seines Antritts und Offensivdrangs hat der 21-Jährige jedoch wohl mit das höchste Potential im Milan-Kader. Gegen US Sassuolo traf Leao schon nach sechs Sekunden und stellte so einen neuen Rekord für das schnellste Tor in der Serie-A-Historie auf. Die vorige Bestmarke von Piacenzas Paolo Poggi, der nach 8 Sekunden einnetzte, hatte fast 20 Jahre Bestand.

Im Übrigen lässt Milan den Ball schneller zirkulieren als noch vor ein paar Jahren. Nur 17 Sekunden dauerte es beim Europa-League-Spiel bei Celtic Glasgow, das Milan 3:1 gewann, vom Abwurf Donnarummas bis zum Tor durch Brahim Diaz. Wenn möglich soll mit Ein-Kontakt-Fußball das Mittelfeld überbrückt werden, vielversprechende Tormöglichkeiten im Strafraum aus guter Schussposition sind das Ziel. Insgesamt ist das Offensivspiel Milans deutlich kreativer, schneller und schwerer ausrechenbar als noch vor ein paar Jahren.

Um das gegnerische Pressing besser neutralisieren zu können, lässt sich Bennacer (wenn fit) oder Kessie ab und an zwischen einen Innenverteidiger und Linksverteidiger zurückfallen, was es Theo Hernandez erlaubt offensiver zu agieren. Auch Calhanoglu lässt sich im Aufbauspiel gelegentlich tiefer ins Mittelfeld fallen. Calhanoglu kann das Spiel beruhigen oder mit seinen Vorwärtspässen auch das Tempo erhöhen. Beim 0:3 gegen Bergamo vor drei Tagen musste er wegen eines positiven Corona-Tests passen. Seine Gabe, lange Ballbesitzphasen zu ermöglichen, wurde schmerzlich vermisst.

Wohin geht die Reise?

Ob die Mannschaft die Kontrahenten weiterhin auf Distanz halten kann, bleibt abzuwarten. Selbst Platz zwei bis vier und damit die Qualifikation für die Champions League wäre ein kleiner Erfolg, immerhin liegt die letzte Teilnahme an der Königsklasse sieben Jahre zurück. Aber wenn man so lange die Tabelle anführt, strebt man auch nach dem ganz großen Wurf. Simon Kjaer sprach im Interview mit dem dänischen Sportmagazin Tipsbladet über die Meisterambitionen. „Ich glaube nicht, dass irgendein Team in der Serie A stärker als wir ist. Aber das heißt nicht, dass wir automatisch den Titel holen, da andere ebenfalls stark sind. Wir sind Milan und wir wollen jedes einzelne Spiel gewinnen. Wir müssen groß denken“, sagte Kjaer.

Vor zwei Wochen gab Mittelfeldspieler Franck Kessie eine angriffslustige Antwort auf die Frage eines Journalisten der mailändischen Tageszeitung Il Giornale, wonach nur wenige glauben, dass Milan den ersten Platz bis zum Saisonende behalten könne und ob er eine Erklärung für diese Skepsis habe. „Mehr als eine Erklärung – wir müssen Dankeschön sagen. Denn diese Begründungen und Vorhersagen tun nichts anderes, als uns jeden Tag mehr zu motivieren. Sie sind unsere Vitamine“, sagte der Nationalspieler der Elfenbeinküste.

Unter Pioli befindet sich Milan immer noch auf einer Reise, in einem mehrjährigen Entwicklungsprozess, das 0:3 gegen Bergamo wird nicht der letzte Rückschlag bleiben. Viel entscheidender ist jedoch, dass das Team etwas aus den Pleiten lernt und beim nächsten Mal die passende Reaktion zeigt. Schon am heutigen Dienstag um 20.45 Uhr kann Milan im Viertelfinale des italienischen Pokalwettbewerbs für Wiedergutmachung sorgen. Gibt es eine bessere Gelegenheit dafür als im Derby gegen Inter Mailand?

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