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NBA: Isaiah Thomas – Wie kann ein Mensch so viel ertragen?

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Der Basketballer Isaiah Thomas wurde lange als mäßig talentiert und als zu klein eingeschätzt. Trotzdem wurde er 2011 an letzter Position des NBA-Drafts ausgewählt. In der Saison 2016/2017 trumpfte er groß auf und wurde Fünfter bei der Wahl zum wertvollsten Spieler der gesamten Liga (MVP). Dann verstarb seine Schwester, er selbst verletzte sich schwer an der Hüfte. Zwei Jahre nach seinen famosen Leistungen ist Thomas bei den Denver Nuggets aus der Rotation gefallen. 

Isaiah Thomas ist ein unscheinbarer Mensch. Der 30-Jährige ist gerade einmal 1,75 Meter groß. Sein Teamkollege Nikola Jokic überragt ihn um 38 Zentimeter. Boban Marjanovic, der derzeit größte NBA-Spieler, ist 47 Zentimeter größer. 

Kleine Spieler wie Thomas fallen im Basketball mehr auf als Hünen von 2,05 Metern und haben es meist schwerer, weil sie leichter geblockt werden können und defensiv angreifbar sind.

Thomas‘ Größe hat sich während seiner Profikarriere als Bürde, mitunter aber auch als Erfolgsgeheimnis entpuppt. Er setzt seinen Körper hervorragend ein, um den Ball vor größeren und stärkeren Gegnern zu schützen. Außerdem ist Thomas antrittsschnell.

Bereits in seiner Jugend muss sich Thomas reichlich Respekt verschaffen. „Er spielte immer so, als müsste er etwas beweisen“, erzählt sein Jugendtrainer jüngst im Gespräch mit ESPN.

Thomas gilt nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes als Underdog, ihm wird keine Profikarriere zugetraut – schon gar nicht in der NBA, der besten Liga der Welt.

Selbst als er dort ein etablierter Spieler ist, wird häufig mehr über seine Schwächen als über seine Stärken gesprochen. Seinem Selbstbewusstsein hat all das nichts angetan.

Sacramento nimmt Thomas an Position 60

Um ein Haar wäre Thomas nicht in der NBA gelandet. Im NBA-Draft 2011 wird er als Allerletztes von insgesamt 60 Talenten ausgewählt. 59 Spieler werden als potenziell besser eingeschätzt. Obwohl seine Größe und Schwächen in der Verteidigung viele Mannschaften abschreckt, nehmen ihn die erfolglosen Sacramento Kings unter Vertrag.

Dass er eine Zukunft in der NBA haben soll, war nicht selbstverständlich und schon gar nicht abzusehen. Von 29 Spielern, die in der zweiten Draft-Runde damals vor Thomas ausgewählt werden, spielen aktuell nur noch fünf in der NBA.

Zwar spielt Thomas über den Erwartungen, aber seine Teams bleiben erfolglos. Weder bei den Sacramento Kings (2011-2014) noch bei den Phoenix Suns (2014-2015), seinem zweiten Team, setzt man auf den etwas dickköpfigen Thomas, der von der Spielanlage eher der Typ Einzelkämpfer ist. Als Pass-First-Point-Guard gilt der Profi nicht.

Thomas entwickelt sich in Boston

Im Frühjahr 2015 fädeln die Boston Celtics mit den Phoenix Suns ein Tauschgeschäft ein. Der Gegenwert für Thomas ist überschaubar. Boston glaubt allerdings an Thomas und schenkt ihm das Vertrauen. Zunächst agiert er als von der Bank kommender sechster Mann. Später wird er in die Startformation berufen. Er soll die Traditionsmannschaft, den 17-maligen NBA-Meister, anführen.

Die Saison 2016/2017 wird Thomas sportlich in guter Erinnerung behalten. In der Form seines Lebens führt er die Celtics auf Rang eins in der Eastern Conference. Mit 28,9 Punkten pro Partie bei einer Wurfquote von 46,3 Prozent stellt Thomas Karrierebestleistungen auf.

Völlig verdient wird er zum zweiten Mal Allstar. Für seine Verdienste in der regulären Saison landet er auf Rang fünf bei der MVP-Wahl und muss sich nur Russell Westbrook, James Harden, Kawhi Leonard und LeBron James geschlagen geben. Seine Größe beeinträchtigt ihn höchstens in der Verteidigung, im Angriff scheint ihn diese zu beflügeln.

Thomas gehört zur Elite, erntet ligaweite Lobeshymnen und steht vor der Unterzeichnung eines finanziell lukrativen Vertrags bei den Boston Celtics. Bis dato ist er massiv unterbezahlt: der beste Spieler der Mannschaft, aber nur der fünftbeste Verdiener.

Das Unglück und die Verletzung

Im April 2017 stirbt seine jüngere Schwester Chyna bei einem Autounfall – einen Tag vor Bostons erstem Playoff-Spiel. Die Trauer steht ihm ins Gesicht geschrieben. Trotz des Schocks entscheidet sich Thomas dafür, aufzulaufen. Und spielt dann auf, als ob ihn der Kummer unbeeindruckt lässt und zaubert gegen die Chicago Bulls eine 33 Punkte-Vorstellung aufs Parkett.

In der nachfolgenden Serie gegen die Washington Wizards gelingt ihm mit 53 Punkten ein neuer Karriere-Bestwert. 29 Punkte erzielt Thomas im entscheidenden vierten Viertel. Am Tag dieses Spiels hätte Chyna ihren 23. Geburtstag gehabt. Nach dem Spiel sagt Thomas: „Das Mindeste, was ich tun kann, ist rauszugehen und für sie zu spielen.“

Nachdem Boston in der zweiten Playoff-Runde Washington ausgeschaltet hat, qualifiziert sich das Team für das Halbfinale gegen die Cleveland Cavaliers. Allerdings verletzt sich Thomas schon im zweiten Spiel der Serie schwer an der Hüfte, schon in den Spielen zuvor hatte er über Schmerzen geklagt.

Die Saison ist für ihn gelaufen, plötzlich steht auch der Start der kommenden Spielzeit auf der Kippe. Kurz danach scheiden die Celtics mit 1:4 in der Serie aus und verpassen damit den Finaleinzug.

Abgegeben nach Cleveland

Nach dem Tod seiner Schwester lässt der nächste Schock für Thomas nicht lange auf sich warten. Im August wird er im Gegenzug für den drei Jahre jüngeren Kyrie Irving nach Cleveland abgegeben. Nachdem Thomas sich jahrelang Respekt verschafft hat und kurz davor ist, richtig abzukassieren, stellen ihm die Celtics keine Perspektive in Aussicht.

Angesichts des Abschieds aus Boston und des Verlusts seiner Schwester bezeichnet Thomas im Gespräch mit Sports Illustrated das Jahr „als bestes meiner Karriere und schlimmstes meines Lebens“.

Für Bostons General Manager Danny Ainge, der für den Tausch verantwortlich ist, hat der Point Guard harsche Worte übrig: „Aber das, was er getan hat, obwohl er wusste, was bei mir los war, das macht man einfach nicht.“

Boston hat einen zweifachen Allstar (Thomas) durch einen damals viermaligen, inzwischen sechsmaligen, Allstar (Irving) ersetzt. Auf Business-Ebene eine nachvollziehbare Entscheidung, die hingegen moralisch äußerst fragwürdig ist.

Keine Zukunft in Cleveland und Los Angeles

In Cleveland angekommen muss Thomas zunächst seine Verletzung auskurieren. Bis Januar 2018 bestreitet er kein NBA-Spiel. Als er wieder fit ist, steht Thomas im Schatten von LeBron James, des wohl besten Basketballers der Welt.

US-amerikanischen Medienberichten zufolge ist Thomas bei seinen Mitspielern nicht beliebt, wovon auch einige Spielsequenzen zeugen, in denen Thomas mehrmals nicht beachtet wird.

Schuldlos an seiner missglückten Zeit in Cleveland ist Thomas sicher nicht. Beobachter weisen darauf hin, Thomas sei mit seinem „Napoleon-Komplex“, der oft kleinen Leuten nachgesagt wird, an Grenzen gestoßen.

Thomas wirkt wie ein Fremdkörper in einer zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht funktionierenden Mannschaft. Als Meisterschaftskandidat gewinnt Cleveland nur sieben von 15 Spielen mit Thomas auf dem Parkett. Nach 15 Spielen ist das Intermezzo auch schon beendet. Er wird zu den Los Angeles Lakers getradet.

In Hollywood plant man ebenfalls nicht langfristig mit dem aus Washington stammenden Profi, der bei Spielen ein Schweißband um den Kopf trägt. Ende März 2018, noch mitten in der Saison, entscheidet Thomas, sich operieren zu lassen, nachdem seinen Hüftproblemen mit einer konservativen Behandlung nicht beizukommen war.

Neustart in Denver?

Innerhalb eines Jahres ändert sich alles für ihn. Thomas‘ Marktwert in der Liga sinkt so rapide wie die Aktie von Lehmann Brothers im Zuge der Finanzkrise 2008.

Im Frühsommer 2017 hat er noch die Aussicht auf einen Maximalvertrag, im Juli 2018 unterschreibt er für zwei Millionen Dollar bei den Denver Nuggets, für ein Zehntel des Gehalts, das eineinhalb Jahre zuvor realistisch war.

Im Nachhinein hält es Thomas für einen Fehler, in den Playoffs 2017 mit Boston trotz Verletzung weitergespielt zu haben: „Wenn ich nicht in den Playoffs gespielt hätte, wäre alles okay gewesen. Man hätte mich bezahlt, ich wäre der gewesen, der ich vor der Verletzung war.“

Einen lukrativen Vertrag hat der NBA-Star weiterhin nicht unterschrieben. Für einen Fünften bei der MVP-Wahl eigentlich undenkbar: In seinen acht Jahren in der NBA hat Thomas knapp über 30 Millionen Dollar kassiert. Paul Millsap, sein Teamkollege bei den Denver Nuggets, verdient 30 Millionen Dollar in einer einzigen Saison.

Von Beginn an ist klar: Thomas muss sich, wenn er wieder fit ist, in Denver mit einer Reservistenrolle begnügen. Für ihn soll es ein Neustart werden, als Symbol dafür trägt er die Trikotnummer 0. Mit Trainer Michael Malone hat Thomas bereits in der Saison 2013/2014 in Sacramento zusammengearbeitet.

Es scheinen für ihn nicht perfekte, aber geeignete Voraussetzungen zu herrschen, um seiner Karriere noch einmal einen Schwung zu geben. Malone betont: „Wenn es eine Sache gibt, die wir über ihn gelernt haben: Wette niemals gegen Isaiah.“

Lange an die Seitenlinie gefesselt

Bis Anfang Februar 2019 kann Thomas nicht aktiv eingreifen. Eigentlich hätte er viel früher zurückkehren sollen, aber die Verletzung ist heikler als gedacht. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich Thomas‘ Teamkollegen gesteigert.

Spieler wie Malik Beasley, Monte Morris oder Torrey Craig, mit denen zu Saisonbeginn niemand gerechnet hatte, spielen plötzlich groß auf. Das Team belegt Platz zwei der Western Conference und weist die viertbeste Bilanz aller Teams auf.

Am 14. Februar 2019 kehrt Thomas unter tosendem Applaus aufs Spielfeld zurück. Beim Sieg über die Sacramento Kings steuert er acht Punkte in 13 Minuten bei. Eine Woche später erzielt er gegen die Dallas Mavericks 16 Punkte in ebenso vielen Minuten.

In den kommenden Spielen spielt er allerdings schwach. Sein Distanzwurf will nicht fallen, ihm fehlt sichtlich Spritzigkeit und Agilität, was bei seiner Verletzungshistorie nicht verwundert.

Als Passgeber ist er ohnehin nie in seiner Karriere großartig aufgefallen. Sein Spiel passt nicht so recht zum Spielansatz der Nuggets, der sich über Zusammenspiel und Kooperation definiert.

Aus der Rotation gestrichen

Nach nur neun Spielen streicht Malone ihn aus der Rotation. Nach der Partie gegen die Minnesota Timberwolves am 13. März erklärt Malone der Presse: „Es geht nicht um Isaiah. Es geht nicht um einen Einzelnen. Es geht darum, was ich glaube, dass für das Team am besten ist. Und ich habe mich entschieden, die Rotation zu kürzen. Wir versuchen einen Rhythmus und eine Rotation zu finden, die uns beste Chancen bietet, dass wir in den Playoffs Erfolg haben“, begründete Malone seinen Entschluss.

Fortan soll Monte Morris den Posten des Ersatz-Spielmachers hinter Starter Jamal Murray übernehmen, für Thomas bleibt einen Monat vor Beginn der Playoffs nur die Zuschauerrolle. Von der Ersatzbank aus feuert er seine Kollegen an, auch äußert er sich nicht negativ über Trainer Malone angesichts der Ausbootung.

Vor der Saison mag die Verpflichtung von Thomas Sinn ergeben haben, doch Denver hat sich in Abwesenheit des Routiniers so sehr weiterentwickelt, dass kein Platz mehr für ihn da ist. Ob er noch einmal in die Rotation zurückkehrt, ist ungewiss. Aber vermutlich nur realistisch, wenn sich einer der acht, neun Spieler verletzt, auf die Malone jetzt setzt.

Thomas ist weiterhin auf der Suche nach seinem sportlichen Glück – Denver ist es wohl nicht. Ist Thomas also ein Opfer der Umstände oder ist sein Abstieg selbstverursacht? Wahrscheinlich spielen beide Komponenten eine Rolle.

„Er ist durch alles durchgegangen“, sagt Jamal Crawford, Thomas‘ Freund und NBA-Profi gegenüber ESPN: „Manchmal wunderst du dich, wie ein Mensch so viel ertragen kann.“

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