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Fußball: Kommentar zum Hertha-Trainerwechsel – Was hat die Vereinsführung bitte erwartet?

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Der Tabellenvierzehnte Hertha BSC hat Trainer Pal Dardai durch Tayfun Korkut ersetzt. Unter dem dem neuen Chefcoach rechnen nur wenige mit einer Steigerung. Beim selbsternannten Big-City-Klub klafft eine immense Lücke zwischen der eigenen Erwartungshaltung und der Strategie. Es wäre zu oberflächlich, den Misserfolg allein an der Person Dardai festzumachen.

Hertha BSC wusste, auf was man sich einlässt, als Pal Dardai vor knapp zehn Monaten als neuer Trainer vorgestellt wurde. Der Ungar absolvierte als Spieler 373 Partien für die Hertha, des weiteren betreute er den Klub schon einmal als Trainer zwischen Februar 2015 und Juni 2019.

Eine beträchtliche Zeitspanne, insbesondere wenn man diese Dauer vergleicht mit dem Haltbarkeitsdatum der Trainer, die im Anschluss an der Seitenlinie im Olympiastadion standen.

Verglichen mit anderen Trainern blieb Dardai lange im Amt

Ante Covic wurde vor zwei Jahren fast auf den Tag genau als Trainer der Hertha entlassen und war lediglich 149 Tage im Amt. Sein Nachfolger Jürgen Klinsmann krempelte binnen weniger Monate alles um und gab seinen Rücktritt nach 76 Tagen bekannt.

Infolgedessen wurde mit Alexander Nouri ein damaliger Assistent zum Interimstrainer ernannt. Nach 56 Tagen musste Nouri seinen Platz wieder räumen und Bruno Labbadia den Cheftrainerstuhl überlassen. Immerhin blieb dieser 290 Tage im Amt, die hohen Ansprüche in der Haupstadt konnte aber auch er nicht erfüllen.

In seiner zweiten Amtsperiode hielt Dardai über die Dauer von 309 Tagen die Ansprache in der Hertha-Kabine, ehe er am Montagmorgen freigestellt wurde. Interessant: Vergleicht man die besagten Trainer nach ihrem Punkteschnitt in Pflichtspielen, kann es in dieser Hinsicht keiner mit Dardai aufnehmen.

Dardai hat den besten Punkteschnitt aller Hertha-Trainer seit 2015

In insgesamt 203 Spielen hat Dardai im Schnitt 1,35 Punkte pro Partie geholt. Nouri (1,25), Covic (1,21), Klinsmann (1,20) und Labbadia (1,07) haben ihm gegenüber allesamt das Nachsehen. In der Saison 2017/2018 war die Hertha unter Dardai sogar Europa-League-Teilnehmer. Während der Amtszeit des 45-Jährigen belegte die Hertha meist einen Tabellenplatz im Mittelfeld.

Tayfun Korkut soll die Hertha nun bis zum Saisonende übernehmen – mehr traut man dem 47-Jährigen offenbar nicht zu, auch wenn sich Sportvorstand Fredi Bobic öffentlich noch nicht festlegen wollte. In der Tabelle rangiert Berlin mit 14 Punkten auf dem 14. Platz – nur einen Zähler vor dem Relegationsplatz, den der FC Augsburg einnimmt.

Am Wochenende hatte die Alte Dame im direkten Duell die Chance, den Abstand auf die Fuggerstädter auf vier Zähler zu vergrößern. Lange deutete alles auf einen Sieg der Berliner hin, in der 97. Spielminute köpfte Michael Gregoritsch allerdings den 1:1-Ausgleich.

Bobic‘ Aussagen im Anschluss muten dabei fast schon kurios an. „Wenn wir 1:0 gewonnen hätten, wäre die Entscheidung genauso gefallen“, erklärte er am Montagnachmittag. „Wenn man Gespräche führt, dann weiß man: ‚okay, da kommt noch mehr, oder nichts mehr oder man wurschtelt sich so durch'“, ergänzte Bobic.

Was will man erwarten?

Äußerungen, die wohl eher ein offenkundiges Problem der Hertha kaschieren sollten. Positive Ergebnisse stehen für die Alte Dame seit Jahren an erster Stelle, ihr Zustandekommen wird dagegen kaum hinterfragt.

Dardai setzte vornehmlich auf Defensivfußball, oft waren die Leistungen mit bieder noch freundlich beschrieben. Auf spielerische Weiterentwicklung wurde wenig Wert gelegt. Welche (überzogenen) Erwartungen hatten also die Vereinsverantwortlichen im Rahmen dieser Ausrichtung?

Der Ungar war eine relativ riskoarme Wahl auf der Trainerposition, weil der Klub ihn, sein Auftreten und seine Strategie seit Jahrzehnten kannte. Dardai kann einem Team im Optimalfall taktische Disziplin näherbringen, aber ein Verfechter des spektakulären Spiels war er nie.

Der Ex-Profi war kein Heilsbringer oder Hoffnungsträger, der den selbsternannten Big-City-Klub wieder an die Bundesligaspitze führt, sondern die Personifizierung von Mittelmaß.

Das ist weder Lob noch Schelte, sondern der Versuch einer realistischen Einordnung. Vor der Saison hatten viele Experten der Hertha einen Platz im unteren Tabellenmittelfeld prognostiziert, Rang 12 bis 15 galten als erwartbar.

Infolge von Verletzungsproblemen oder einer Niederlagenserie ist ein Absturz in die Abstiegszone allerdings nie komplett auszuschließen. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar hoch, dass die Hertha am Saisonende drei Vereine hinter sich lässt, aber zu sicher sollte man sich nie sein.

Seltsame Aussagen Dardais nach dem Bayern-Spiel

Nach der 0:5-Niederlage gegen den FC Bayern München Ende August hatte Dardai seltsame Aussagen mit einem fast schon resignierten Unterton getätigt: „Wahrscheinlich sucht Hertha BSC seit langem einen großen Trainer. Pal ist ein kleiner Trainer, ein netter Trainer, er hilft aus so lange, wie es sein soll. Wenn ein ganz großer Trainer hier ist, geht Pal sofort zurück zur U16 und macht seine Sache wie früher“, sagte er.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie groß die Motivation Dardais wirklich war. Oder betrachtete er sich von vornherein nur als Notnagel?

Ist Korkut der richtige Mann für den Big-City-Klub?

Aber als großer Trainer ist Dardais Nachfolger Korkut sicherlich nicht zu sehen. Als Übungsleiter von Hannover 96, dem 1. FC Kaiserslautern und Interimscoach von Bayer Leverkusen hat Korkut keinen bleibenden, positiven Eindruck hinterlassen.

Nur als Trainer des VfB Stuttgart in der Rückrunde der Spielzeit 2017/2018 konnte er zeitweise glänzende Ergebnisse einfahren, zu Beginn der Folgesaison hingegen verpuffte sein aufgebauter Nimbus so schnell wie er ihn erlangt hatte.

Die Zweifel, ob Korkut die Wende mit der Hertha schaffen kann, sind auch bei den eigenen Fans groß. Wäre der Klassenerhalt oder der Sprung auf Platz 12 oder 13 schon als Erfolg zu werten? Ja, vielleicht in dieser Saison, so pragmatisch muss man die Lage beurteilen.

Korkut war noch nie lange bei einem Profiverein

Sollte sich der Vorstand im Falle einer erfolgreichen Mission Korkuts und im Falle von fehlenden Alternativen auf der Trainerposition entscheiden, dem gebürtigen Stuttgarter doch einen längerfristigen Vertrag auszuhändigen, wäre ein Szenario wie beim VfB vorstellbar. Bei keinem seiner Vereine hat Korkut nachgewiesen, über einen längeren Zeitraum erfolgreich sein zu können.

Sollte Korkut sich nicht als die erhoffte Lösung der Probleme entpuppen, müsste die Hertha erneut einen neuen Trainer suchen. Kontinuität ist jedoch erforderlich, um die hohen Ziele in Berlin realisieren zu können.

Langfristig möchte die Vereinsführung um den neuen Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic und Investor Lars Windhorst schließlich einen Topklub aus der Hertha formen.

Bobic muss sich an den eigenen Worten messen lassen, zumindest vor der Saison hat er die fehlende Kontinuität als Baustelle ausgemacht: „Man hatte fünf Trainer in zwei Jahren. Das ist zu viel. Wir brauchen Kontinuität, das ist das Allerwichtigste“, sagte der Ex-Sportvorstand von Eintracht Frankfurt bei seinem Amtsbeginn.

Die Kaderzusammenstellung ist fraglich

Aber nicht nur die Trainerfrage, sondern auch die Kaderplanung muss auf den Prüfstand gestellt werden. Im Hertha-Kader steckt vielleicht ein bisschen mehr, als er sich aktuell präsentiert. Aber reicht das, um einen einstelligen Tabellenplatz oder geschweige denn die internationalen Plätze zu erreichen?

Im Sommer hat Berlin mehrere wichtige Offensivspieler gehen lassen. Matheus Cunha wechselte zu Atletico Madrid, Jhon Cordoba schloss sich dem FK Krasnodar an. Mit Dodi Lukebakio und Javairo Dilrosun gab man zudem zwei Flügelspieler ab, die das erlahmte Angriffsspiel der Hertha beleben könnten. Der pfeilschnelle Nemanja Radonjic konnte nach seiner Leihe nicht fest verpflichtet werden.

Den Berlinern mangelt es derzeit an Tempodribblern sowie an offensiver Qualität. Die Neuzugänge Marco Richter, Jurgen Ekkelenkamp, Ishak Belfodil, Stevan Jovetic sind entweder Stürmer oder agieren in den Halbräumen hinter den Spitzen, aber keiner von ihnen gewinnt konstant Eins-gegen-Eins-Duelle auf dem Flügel.

Es passt ins Bild, dass mit Krzysztof Piatek und Lucas Tousart die beiden teuersten Zugänge der Klub-Historie beim 1:1 gegen Augsburg das ganze Spiel auf der Bank verbrachten. Beide spielten schon in der vergangenen Saison in Berlin, doch auch sie haben ihre Qualitäten im Zentrum.

Der einzige Neuzugang, der als reiner Flügelspieler kurz vor Ende des Transferfensters an die Spree wechselte, heißt Myziane Maolida. Der 22-Jährige soll Berichten zufolge physisch und taktisch noch Nachholbedarf haben. Maolida hat in seinen erst vier Bundesligaspielen noch nicht bewiesen, eine Schlüsselrolle einnehmen zu können.

Nicht nur die Kaderkonstruktion lässt zu wünschen übrig, bisher haben die Bobic-Transfers auch kaum eingeschlagen. Einer der wenigen Lichtblicke ist der zentrale Mittelfeldspieler Suat Serdar, der vom FC Schalke 04 verpflichtet wurde.

Hertha braucht eine neue Identität

Auch die Defensive ist mit bisher 27 Gegentoren (allein in der Bundesliga) nicht von der Kritik auszusparen, was auch daran liegt, dass mehrere Abwehrspieler verletzungsbedingt ausfielen (Marton Dardai, Jordan Torunarigha, Linus Gechter, Marvin Plattenhardt) oder eine Rot-Sperre absitzen mussten (Dedryck Boyata). Gegen Augsburg und Leverkusen fing sich die Hertha jeweils in den letzten Minuten des Spiels vermeidbare Gegentore.

Alle Mannschaftsteile haben Verbesserungspotential. Es liegt jetzt am Trainerteam, Management, Vorstand und am Investor vereint zusammenzuarbeiten, damit die Schwachstellen im Kader behoben werden und die Mannschaft an ihr Leistungslimit kommt.

Viele Fans würden sich wahrscheinlich wünschen, dass die Hertha künftig mutiger agiert, ein Stück weit das Risiko sucht und die Spannung in jedem Spiel bis zum Abpfiff hochhält. So der Wunschtraum, aber entscheidend is‘ auf’m Platz – und im Büro der Kaderplaner.

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