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Klassenunterschied im Spitzenspiel: Warum der FC Bayern in Leverkusen dominierte

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Ein herausragendes Spiel der Bayern – eine leichtsinnige Vorstellung der Werkself. Das Gipfeltreffen in Leverkusen bot keinen ebenbürtigen Schlagabtausch. Der Rekordmeister dominierte aufgrund der eigenen Struktur im Ballbesitz und wegen des waghalsigen Abwehrverhaltens der Hausherren.

Vor der Partie am 8. Bundesligaspieltag zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem FC Bayern München waren beide Teams punktgleich, lediglich das um vier Tore bessere Torverhältnis trennte die Tabellennachbarn. 90 ereignisreiche Minuten in Leverkusen reichten dem Rekordmeister am Sonntagnachmittag, um seine Vormachtstellung eindrucksvoll zu bestätigen. Nach dem 5:1-Auswärtssieg bleiben die Bayern (19 Punkte) Tabellenführer vor Borussia Dortmund (18) und Leverkusen (16).

In den letzten Wochen wurde Bayer 04 Leverkusen mit einer Menge Lob überhäuft. Die Werkself konnte sich nicht nur über positive Ergebnisse freuen, sondern auch die Art und Weise imponierte dem eigenen Anhang und externen Beobachtern. Leverkusen fand spielerische Lösungen sowohl im schnellen Umschaltspiel als auch im Attackieren von geschlossenen Abwehrbollwerken.

Nach sieben Spieltagen hatte das Team von Trainer Gerardo Seoane bereits vier Kontertore erzielen können. Die Mannschaft spielte begeisternden, schnörkellosen Offensivfußball und trumpfte mit Schnelligkeit auf. Die Höchstgeschwindigkeit von 34 km/h konnten gleich fünf Spieler übertreffen (Mitchell Bakker, Jeremie Frimpong, Moussa Diaby, Piero Hincapie, Patrik Schick). Leverkusens einzige Niederlage war ein furioses 3:4 am 11. September gegen Borussia Dortmund nach der Länderspielpause.

Gegen den FC Bayern musste Leverkusen ebenfalls direkt nach der Länderspielpause ran – erneut setzte es eine Heimniederlage. Trotz der tabellarischen Nähe beider Teams wurde allerdings diesmal ein Klassenunterschied bemerkbar.

Aufstellung Bayer Leverkusen:
Hradecky – Frimpong (64. Bellarabi), Kossounou, Tah, Bakker – Demirbay, Amiri – Diaby (64. Adli), Wirtz (79. Retsos), Paulinho (45. Tapsoba) – Schick (79. Alario)

Aufstellung FC Bayern:
Neuer – Süle (72. O. Richards), Upamecano, Hernandez, Davies (40. Stanisic) – Kimmich, Goretzka (45. Sabitzer) – Gnabry, Müller
(64. Musiala), Sane – Lewandowski (64. Coman)
Tore:
0:1 Lewandowski (4.),
0:2 Lewandowski (30.),
0:3 Süle (34.),
0:4 Gnabry (35.),
0:5 Gnabry (37.), 1:5 Schick (55.)

Der Kantersieg kam einerseits durch die außergewöhnliche Spielfreude der Bayern zustande, andererseits wurde er begünstigt durch taktische Unzulänglichkeiten und Unkonzentriertheiten der Leverkusener.

Bereits nach drei Minuten schlitterte Robert Lewandowski jubelnd auf den Knien, nachdem er sein 8. Saisontor erzielt hatte. Ein langgezogener Freistoß Kimmichs fand den ungedeckten Dayot Upamecano am zweiten Pfosten. Der Ex-Leipziger bediente im Zentrum den polnischen Angreifer, der die Standardsituation elegant per Hacke veredelte. Ein Schuss, ein Tor, die Bayern.

Leverkusen mit (zu) großen Abständen zwischen den Ketten

Nach dem Rückstand versteckte sich Leverkusen keineswegs in der Defensive. Im Gegenteil: Man versuchte, die Bayern früh anzulaufen und unter Druck zu setzen. Doch das Hauptproblem der Gastgeber waren die beträchtlichen Abstände zwischen den eigenen Mannschaftsteilen. Die Offensivspieler wie Patrik Schick, Florian Wirtz und Moussa Diaby gingen früh ins Pressing, doch die Wirkung davon verpuffte, weil die anderen Mannschaftsteile sich zurückfallen ließen.

Speziell der Leverkusener Abwehrkette war der Respekt gegenüber dem schnellen und präzisen bayrischen Kombinationsfußball anzumerken. Leverkusen kam nicht in die Zweikämpfe, während die Bayern nach einer Viertelstunde immer besser die Freiräume bespielen konnten.

Mit Tempo konnte Bayern immer wieder auf die gegnerische Abwehrkette zulaufen, die Leverkusener Abwehrspieler dagegen ließen sich zurückfallen und gewährten dem Champions-League-Sieger von 2020 große Lücken. „Wir haben keinen guten Tag erwischt. Waren viel zu weit auseinander. Wir sind immer ein Stück zu spät gekommen“, sagte Bayer-Trainer Gerardo Seoane selbstkritisch nach der Partie.

Bayern halten das Zentrum kompakt und verwirren den Gegner durch Positionswechsel

Außerdem gelang es den Münchnern immer wieder durch situative Positionswechsel, ihre Gegenspieler zu verwirren. Rechtaußen Serge Gnabry zog (mal mit Ball, mal ohne) von seiner Seite kommend in die Mitte, Thomas Müller wich teilweise auf die rechte Seite aus.

Leroy Sane traf in der 19. Minute den Innenpfosten, Leon Goretzka hätte drei Minuten später im Strafraum aus zentraler Position erhöhen können. Das zweite Tor schien nur eine Frage der Zeit. Viele Bayern-Spieler wirbelten im Zentrum und in den Halbräumen, das Mittelfeld der Bayern dominierte das Mittelfeld der Leverkusener komplett.

Nach einem fehlerlos vorgetragenen Schnellangriff erhöhte Robert Lewandowski mit seinem zweiten Treffer auf 2:0 (30.). Vier Minuten später brachte der Oberschenkel von Müller das 3:0. Zuvor hatte sich Niklas Süle nach einer Ecke am zweiten Pfosten davongestohlen. Erneut war die Zuordnung das Manko bei den Leverkusenern. Direkt auf den Leverkusener Anstoß folgend konnten die Bayern den Ball erobern, das exakte Zuspiel des diesmal links postierten Müllers verwertete Gnabry zum 4:0 (35.). Nach einem Doppelpass mit Goretzka erzielte Gnabry das 5:0 (37.).

Bayern bleiben engagiert trotz hoher Führung

Den Bayern war es egal, wie hoch sie führten – nichts konnte ihren Hunger auf Ballgewinne und Tore stoppen. Nach 40 Minuten schallte es durchs Stadion „Gegen Bayern kann man mal verlieren“. Die Leverkusener schienen mit den überfallartigen Angriffen der Gäste überfordert, allerdings erst nach 45 Minuten durfte man durchatmen und sich kurz sammeln. Ein Fünf-Tore-Rückstand zur Halbzeit war für Leverkusen ein Novum in der Bundesliga.

Seoane reagierte mit einer Veränderung der Grundordnung von einer Vierer- auf eine Dreierkette, der zusätzliche Abwehrspieler gab den Rheinländern mehr Sicherheit. Auch offensiv gelang Leverkusen immerhin ein wenig: Nach Vorlage von Wirtz erzielte Schick das 1:5 (54.). Trotz seines Tores hatte der Tscheche jedoch kaum Bindung zum Spiel. Sane hatte in der 75. Minute freistehend noch die Chance mit einem Kopfball, die Bayern-Führung auszubauen.

Leverkusens Doppelsechs: Keine Idealbesetzung

Mit Kerem Demirbay und Nadiem Amiri hatte Seoane eine spielstarke Doppelsechs aufgeboten, doch im Abwehrverhalten und in der Zweikampfführung haben beide nicht ihre größten Stärken. Zur Verteidigung des Trainers muss man dazu sagen, dass das Duo aus Mangel an Alternativen spielte.

Charles Aranguiz fehlte wegen einer Wadenverletzung, Exequiel Palacios war erkältet. Julian Baumgartlinger wird aufgrund einer Knie-Operation 2021 kein Spiel mehr absolvieren können und für Robert Andrich kam die Begegnung nach seiner Drei-Spiele-Spiele zu früh. Vor allem das Fehlen von Aranguiz wog schwer.

Nach dem frühen Gegentor suchten die Leverkusener ihr Heil in der Offensive. Daran ist per se nichts verwerflich, der Fehler war allerdings, dass man nicht konsequent und gemeinschaftlich ins Pressing ging.

Der frühere Bayern-Spieler und jetzige Experte Sandro Wagner sagte bei DAZN, dass es für Leverkusen entweder die Möglichkeit gebe, „mutig durchzudecken“ oder „von Haus aus kompakter“ zu sein. „Du wartest darauf, dass sie dich auffressen, wenn du nicht durchdeckst“, so Wagner.

„Wir hatten unfassbar viele Abschlusssituationen in herausragenden Räumen und hatten mit Ball eine sensationelle Struktur. Leverkusen hatte sehr, sehr wenig Zugriff in der ersten Halbzeit“, sagte Bayern-Trainer Julian Nagelsmann bei DAZN. Es sind nur drei Punkte, die München und Leverkusen nun tabellarisch trennen – im direkten Duell hatte man allerdings den Eindruck, dass es durchaus mehr sein könnten.

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